Haben wir es so lange nicht gesehen?

Wir zweifeln momentan an uns selbst. Die Frage ob wir es zu lange einfach übersehen haben quält uns. Oder ging es in den letzten 4 Wochen rapide bergab mit Oma? Wir wissen es nicht. Waren wir so blind? Haben wir den ernst der Lage nicht gesehen?

Oma Heute fütterte meine Mutter – wie jeden Tag – alle Hunde. Oma war oben bei meiner Ma dabei. Oma ging mit dem Hund wieder runter in ihre Wohnung. Ich saß noch draußen im Treppenhaus und unterhielt mich mit Mama. Oma kam wieder raus und ging einen Kaffe bei meiner Mutter oben trinken. Sie kam wieder runter. Als sie die Tür öffnete, sah ich dass Shira über einen Fressnapf hing – gefüllt mit Trockenfutter. Ich nahm Shira das Futter weg und fragte Oma wieso Shira fresse. “Sie hatte ja heute noch nix. Sie muss ja mal was essen.” war die Antwort. Dass sie gerade 15 Minuten vorher Futter bekam, sie wusste es nicht mehr. Darauf angesprochen hieß es: “Wenn Ihr einem auch kein Wort gönnt. Woher soll ich das denn wissen?” Dass sie daneben stand – sie weiß es nimmer. Kein Wunder, dass Shira so zugenommen hat. Ich muss das Futter raus holen. Dringend. So leid es mir tut.

Genauso schlimm war jedoch dass ich als ich den Fressnapf in die Küche brachte den Herd bemerkte. Sie hatte Gulasch und Kartoffeln darauf. Das Gulasch kochte und war unten schon angepappt. Die Kartoffeln waren mehr als nur weich und das Wasser fast komplett verdunstet. Hatte sie vergessen, dass sie das Essen auf dem Herd hatte? Das musste ja schon vor dem Füttern der Hunde aufgesetzt worden sein. Ich drehte alles aus, goss das Kartoffelwasser ab. Oma motzte was ich an ihrem Essen machen würde. Ich versuchte ruhig mit ihr zu reden. Gar nicht einfach. Innerlich ist man verzweifelt, ängstlich und verärgert. Aber man will die Oma nicht anschreien oder anmaulen. Manchmal reißt einem der Geduldsfaden. Man wird lauter. Man bereut es sofort, man weiß es bringt nix. Man ist verzweifelt. Man schwört sich nie wieder laut zu werden. Ich bleib heute ruhig. Ich war stolz auf mich.

Oma rannte zu meiner Mutter. Sie habe keinen Hunger mehr. Sie setzte sich zu meiner Mutter ins Treppenhaus. Das Treppenhaus ist bei uns oft Familientreffpunkt. Hier stehen sogar Stühle rum. Irgendwann kam Oma wieder runter und aß doch noch was.

Ich erinnerte sie um 14 Uhr, dass sie abends um 19:40 Uhr einen Termin bei der Krankengymnastik hat. Sie wusste es nicht mehr. Sie klingelte 30 Minuten später bei mir. Sie finde den Zettel nicht, wann sie heute Abend da sein solle. Ich sagte ihr nochmal dass es 19:40 Uhr sei. Wann sie dann hier los müsse. Ich sagte 19:30 Uhr würde reichen, da es ja nur 2 Häuser weiter sei. Nochmal 5 Minuten später klingelte sie erneut. Mit Zettel und Stift in der Hand. Wann sie nochmal da sein müsse.

Um 16:30 Uhr klingelte sie erneut. Ob ich nun ihren Hund nehmen könnte, da sie nun zur Krankengymnastik müsse. Ich sagte ihr nochmal, dass das noch 3 Stunden hin sei und ich natürlich Shira nehme. Um 18 Uhr klingelte sie schon wieder. Ob ich ihren Hund nun nehmen könnte, da sie nun weg müsse. Ich sagte ihr erneut, dass sie zu früh ist und der Termin doch erst später sei. Aber ich nahm Shira schon mal.

Um 19 Uhr klingelte ich bei Oma. Ich wollte sie erinnern, dass sie sich fertig macht. Keine Reaktion. Ich nahm den Schlüssel und die Tür war abgeschlossen. Sie war schon losgerannt zur Krankengymnastik. Gerannt ist jedoch relativ… Ich nutzte die Chance. Wollte ins Schlafzimmer das Hundefutter raus nehmen bzw. halbieren. Stück für Stück. Abgeschlossen. Meine Oma hat seit Ewigkeiten den Tick ihr Schlafzimmer abzuschließen. Warum auch immer. Wir haben es nie verstanden. Jetzt schließt sie zum ersten Mal zurecht ab, wobei sie damit sich selbst schadet und uns die Betreuung schwerer macht. :(

Ich ging stattdessen zum Kühlschrank. Ich schaute die Lebensmittel an. Ich nahm mehrere Sauerkrautpackungen raus die bereits seit März abgelaufen waren. Eine Wurst war auch schon 3 Monate abgelaufen. Und dazu eine Packung Nudeln mit Carbonara Soße in einer Schale. Als ich die Packung anfasste lief schon stinkende Flüssigkeit aus. Ich schaute hinein und mir drehte sich der Magen um. Verschimmelt und undicht. Ein Universum voller Bakterien und Pilze. Ich entfernte die Dinge inklusive diesem Ökosystem der Übelkeit. Ich weiß Oma hätte es noch gegessen. Es tut mir weh meine Oma bestehlen zu müssen. Auch wenn ich es nur mache um sie vor sich selbst zu beschützen. Es ist nicht schön.

Heute Vormittag habe ich sie erwischt wie sie auf allen Vieren ihren Küchenboden mit einem Tuch wischte. Ich hatte mich über komische Geräusche gewundert nachdem ich geklingelt hatte und da sah ich den Lappen und die feuchte Küche. Sie kann sich momentan kaum richtig hinsetzen. Ist von Rückenschmerzen geplagt, kann sich kaum gerade halten aber macht sowas. Sie schleicht die Treppenstufen hoch und runter aber das macht sie mehr als sie sollte. Sie ist nicht zu bremsen aber sie macht sich damit kaputt.

Oma und ShiraUnd hinzu kommt, dass die nun wieder Vorhofflimmern hat. Sie hatte vor einiger Zeit einen Neustart des Herzensbekommen um die Herzrhythmusstörungen zu beseitigen. Nun sind sie jedoch wieder da. Sie kann wohl damit leben. Man kann es nochmal mit einem Neustart im Krankenhaus versuchen. Der Arzt sagte jedoch, das wäre nur eine zeitlich begrenzte Lösung. Momentan sie sie gut mit Medikamenten eingestellt. Ich solle drauf achten ob es schlimmer wird, dann muss man es wohl mal versuchen. Ansonsten rät er momentan von dem Herzneustart ab. Wir werden seinem Rat folgen.

Tagtäglich führt sie immer noch Diskussionen darüber, dass sie keine eigenen Tabletten mehr hat. Aber immerhin kommt sie jeden Abend brav zu mir und holt ihre Tabletten bei mir ab und sagt dabei nett Danke. Und wenn ich mit dem Schmerzpflaster komme, dann lässt sie es sich ohne Diskussion bereitwillig drauf kleben.

In den letzten Tagen habe ich oft das Gefühl ich habe 2 Omas. Einmal die verwirrte Oma, die dauernd motzt und meckert und bös auf mich ist und einmal die normale Oma, die sich wenn auch etwas unlogisch normal mit mir unterhält und lacht.

Und nun sitze ich hier und frage mich: Haben wir es zu lange nicht bemerkt wie schlimm es mit ihr ist oder ist es in letzter Zeit so rapide bergab gegangen? Man fragt sich auch, ob man das vielleicht auch nur zu dramatisch sieht. Aber dann passieren Dinge wie heute und man denkt sich, nein man dramatisiert nicht. Und doch ist die Hoffnung in einem, dass man doch dramatisiert, denn dann wäre das ja alles gar nicht so schlimm…..

3 thoughts on “Haben wir es so lange nicht gesehen?

  1. Wenn man sich damit mal abgefunden hat ist es nicht mehr so schwer.
    Das wird Teil des Alltags. Es wird sicher leichter mit der Zeit.

    Übrigends sind solche rapiden Verschlechterungen möglich.

    Sag ich jetzt mal aus Erfahrung.

  2. Nein! Es wird nicht leichter, es wird schwerer und schwerer und doch steht man es irgendwie durch, weil es einfach sein muss und nicht anders geht.
    LG Bernd

  3. @Nina
    Vielleicht hast Du recht. Aber im Innern kann man sich wohl nie wirklich damit abfinden.

    @Bernd
    Ja das stimmt. Auch heute musste ich es schmerzlich – mal wieder – sehen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.