Sie bringt mich noch ins Grab – Kuchenbacken und Türschloss

Wer fragt Ihr Euch? Na wer wohl. Meine Oma.

Sie war heute zur Tagespflege. Als erstes ging es damit los, dass sie um 8 Uhr verschwunden war. Sie hat sich in den Kopf gesetzt einen Eierlikörkuchen zu backen. Aber nur weil ich bei ihr 3 Flaschen entdeckt hatte und wegnahm. Sie wollte ihn eigentlich trinken aber bei den Ausreden wieso sie 3 Flaschen hatte kam dann die Kuchenbackidee. Da ist sie sehr einfallsreich….

Nun denn fiel ich heute morgen auf dass ihr Zucker und Mehl fehle. Sie rief ihren Sohn an was sie tun soll und er sagte “Einkaufen”. Klasse. Prompt ging sie einkaufen und wir suchen sie weil sie sonst nicht pünktlich ist zur Tagespflege.

Ich telefonierte rum wo sie ist aber sie kam dann glücklicherweise pünktlich heim. Mein Vormittag war dann ruhig und entspannt.

Um 16 Uhr kam Oma wieder. Da ging es los. Jetzt ist es 17:44 Uhr und ich bin fix und alle.

Sie begann hektisch mit dem Kuchen backen und forderte schreiend ihren Eierlikör bei mir ein. Ich ging mit selbigem rüber. Kein Hallo nix. Nur Geschrei. Ok kann ich an mir abprallen lassen. Ich half ihr dann beim Kuchen backen. Sie war und ist sehr aufgekratzt und hektisch. Sie wollte statt 3 Packungen Vanillezucker dann Backin rein tun. Das konnte ich verhindern. Mit dem Abwiegen klappte es auch nicht so wie es sein müsste. Na ja ich war ja da und half so dezent wie es ging. Sie maulte mich dabei an. Kenn ich ja schon.

Dann fehlte eine Backform. Sie wollte ihre Leiter. Ich sagte, dass ich schnell eine Backform bei mir holen würde. Ich flitzte rüber zu mir und war nur Sekunden später wieder bei Oma als mir das Herz stehen blieb. Sie stand schwankend auf der Waschmaschine. Ich versuchte sie dazu zu bewegen runter zu kommen. Ich rief im Treppenhaus nach meiner Mutter. Sie kam und sprach ebenfalls auf Oma ein. Sie kramte oben auf einem Küchenoberschrank nach ihrer Backform aus den 70er Jahren, die da oben gar nicht ist. Es ist fraglich ob die überhaupt noch existiert…. Mutti griff dann Omas Arm, ich fasste sie an der Hüfte und vorsichtig führten wir sie von der Waschmaschine runter. Sie schimpfte und zeterte….

Dann fiel mein Blick auf die Schlafzimmertür. Meine Oma hat den Tick die immer abzuschließen wenn sie weggeht und den Schlüssel zu verstecken. Nur dank ihrer Demenz weiß sie nicht mehr wohin sie den Schlüssel legt. Nun hat sie schon ihren Schlüssel und den Ersatzschlüssel ihres Sohnes ebenfalls verlegt und findet die nimmer. Da hat sie nun das Türschloss ausgebaut samt Griff und meint sie könnte damit zum Schlüsselmacher, dass der ihr neue Schlüssel macht. Auch sei das Schloss kaputt. Zuerst behauptete sie, sie habe das Schloss weggeworfen und würde Montag mit ihrem Sohn ein neues Schloss kaufen. Dann rief sie ihre Schwester an und klagte bei ihr wie schlecht ich sei.

Dann hatte ich Oma so weit, dass sie mir das Schloss zeigen wollte. Sie ging ins Schlafzimmer und griff nach dem Schloss und da war es nicht…. Nun sucht sie das Schloss….. Ich habs gewusst. Sowas von gewusst. Und dann schrie sie mich an, dass ich das Schloss und die Schlüssel versteckt oder geklaut hätte. Sie würde die Polizei rufen. ARGH. Und dann zeigte sie mir 3 verschiedene Verstecke wo angeblich die Schlüssel gewesen seien. Nachdem ich sie irgendwie ein wenig beruhigt hatte, bin ich jetzt erst mal raus aus der Situation. Das ertrag ich jetzt mal kurz nicht. Ich tippe es nun hier nieder um durchzuatmen.

Nun ist es 19:24 Uhr. Ich kam nicht dazu den Blogbeitrag abzuschicken da das Telefon klingelte. Mein Onkel rief mich zurück. Er hatte morgens zu Oma gesagt, dass sie nachmittags einkaufen gehen soll und vorher vor allem mit mir sprechen. Wir sprachen ein wenig da klingelte es schon wieder an der Tür. Oma. Sie wollte ihre Schraubenzieher. Ich hatte diese vorher eingesackt wegen dem Türschloss. Sie bekomme eine Schublade nicht auf und die Schraubenzieher seien lang. Die sind mega kurz. Egal. Ich hatte das Telefonat mit meinem Onkel vorher noch schnell beendet. Ich sagte Oma ich komme gleich. Ich legte das Telefon weg. Oma war schon wieder in ihr Schlafzimmer verschwunden und ich ging in ihre Wohnung. Als ich die Tür aufschloss kam mir ein verbrannter Geruch entgegen. Dabei waren gerade exakt die 60 Minuten Backzeit um. Ich ging in die Küche und sah sofort dass Oma die Hitze auf 200 Grad hochgedreht hat. Der Kuchen brauchte aber nur 150 Grad…. Außerdem lag Alufolie auf dem Kuchen. Die war vorher nicht da. Ich kann also Oma und einen Backofen keine 20 Minuten allein lassen. Wieder was gelernt. Der Kuchen ist jedenfalls hin. Für mich. Nicht für Oma. Oma nahm ein Messer und kratzte den Kuchen rundherum ab. Ich werde ihn nicht essen. Oma wird ihn essen. Kann sie auch. So schlimm verbrannt ist er nun auch wieder nicht als dass ich deswegen Ärger machen muss. Nur ich rühre ihn nicht an. Nein danke. Ich habe noch Geschmacksnerven…. Oder soll ich einen neuen backen und den mit ihrem einfach heute Nacht heimlich austauschen? *grübel*

Danach bestand Oma wieder auf ihre Schraubenzieher. Damit sie das nächste Schloss ausbaut? Am besten noch das Schloss der Wohnungstür. Furchtbarer Schlüssel-Schloss Tick den sie hat. Ich sagte ihr die sind eh zu kurz und machte mich dran die Schublade vom Nachtisch irgendwie auf zu bekommen. Aber keine Chance. Da klemmt hinten irgendwas. Ich gab erst mal auf. Da es schon 18:30 Uhr mittlerweile war machte ich mich daran für sie Abendbrot zu schmieren. Oma suchte nämlich immer noch nebenbei das Türschloss. Sie machte alles gleichzeitig irgendwie. Immer wenn ihr eines wieder einfiel machte sie das bis das Andere ihr wieder einfiel. Ich holte Brot und schmierte diese. Als ich rüber ging um die Tabletten zu holen und wieder kam, stand Oma vor mir und wollte mich nicht in ihre Wohnung lassen und schrie mich an wo ihre Schraubenzieher seien. Ich ging einfach rein und sprach dabei ruhig dass ich die ihr nach dem Abendessen gäbe, da schlug sie mal wieder nach mir. Ich sah es nicht kommen. Sie schlug mir auf den Arm. Weh tat es nicht, dafür ist sie entweder zu schwach oder ich zu dick gepolstert. Ich erhob meinen Finger und sagte: “Oma, lass das. Du sollst mich nicht hauen.” Da haute sie wieder auf meine Hand und meinen Arm. Ich drehte mich um und ging in die Küche, ich ignorierte ihr Gehaue dann einfach. Hat doch eh keinen Sinn. Sie schrie mich an, sie habe keinen Hunger, sie würde mir das Essen in die Fresse (ja sie sagte das exakt so – so hat sie früher nie gesprochen) hauen. Ich ging nicht darauf ein. Ich nahm Wasser und kochte ihr einen Tee. Da steht sie plötzlich mit Telefon in der Küche und sagt in den Hörer: “Schicken Sie bitte einen Peterwagen” und nennt unsere Adresse. Ich dacht, ich guck nicht richtig. “Wieso Sie kommen sollen? Weil ich hier nicht klar komme. Das geht so nicht.” hörte ich sie weiter sagen. Ich sagte dann laut und deutlich so dass Oma mich verstand: “Oma, es ist doch alles in Ordnung. Es gibt jetzt Abendessen.” Sie sagte dann zu mir ich solle mit dem Herrn sprechen und reichte mir den Hörer. Ich fragte wer dran sei – vielleicht hatte sie ja doch jemand anderen angerufen als die Polizei. Es war jedoch der Polizeinotruf welchen sie gewählt hatte. Auf die Frage was bei uns los sei, sagte ich nur: “Demente Oma.” “Alles klar, schönen Abend noch.” sagte der Herr und beendete das Gespräch.

Oma war dann etwas frustriert dass keine Polizei kam um mich abzuführen…. Nette Oma habe ich….

Da sie sich nicht beruhigte und alles zureden nicht half, holte ich die Schraubenzieher dann einfach. Es ist nicht einfach abzuwägen was Sinn hat und was nicht. Wenn sie sie hat, baut sie demnächst noch alle Schlösser aus. Hat sie sie nicht beruhigt sie sich nicht und ich muss noch Angst haben, dass sie einen Herzinfarkt hat oder sowas. Also gab ich sie hin. Damit war Oma ruhig und zufrieden. Die Schublade allerdings hatte sie vergessen. Die klemmt weiterhin.

Oma ließ sich dann von mir in die Stube führen und aß in aller Ruhe ihr Abendbrot und unterhielt sich blendend mit mir. Sie lachte und erzählte wie toll es heute beim Seniorentreff gewesen war. In dem Moment wo ich sie so sah, musste ich die Tränen nieder kämpfen. Es ist so anstrengend. So schwer mit anzusehen. Oft weiß man nicht ob man das Richtige tut. Wie immer wieder sich durch die Situationen hangeln. Aber sie darf nicht sehen wie schwer es einem fällt sie immer wieder anzulügen, zu kontrollieren, ihr zu helfen. Sie darf nicht sehen dass es einem schwer fällt ihren “Verfall” zu sehen ohne etwas dagegen tun zu können. Also musste ich die Tränen runter schlucken. Gott sei Dank kann ich das recht gut.

Sie wollte nun noch Abwasch machen. Da es nur Plastikteile sind, lass ich sie. Ich habe mich dann verabschiedet und sie will dann gleich ins Bettchen gehen. Ich werde gleich nochmal kontrollieren ob alles ok ist.

Ich bin jetzt jedenfalls Fix und Foxi. Absolut fertig. Ich fühl mich wie nach 15 Stunden harter Arbeit. Jetzt gleich brauche ich Ruhe. Einfach nur Ruhe. Ich werde mich einfach hinsetzen, Hunde streicheln und ein wenig die Augen schließen. Kurz Abschalten. Das muss jetzt sein.


6 thoughts on “Sie bringt mich noch ins Grab – Kuchenbacken und Türschloss

  1. Hei Conny, ich kanns dir nachfühlen. Hab mit meiner Mutter die gleichen Probleme. Du musst lernen, damit umzugehen. Musste ich auch. Denk immer dran, die sind krank und nicht böswillig.Aber ab und zu könnt man wirklich aus der Haut fahren.

  2. Hallo! Ich habe keine Erfahrung mit Demenz Kranken, abers ist schon bewunderswert wie du damit um gehst.
    Ich kann nur hoffen das dir die Kraft nicht aus geht.

    Alles gute für 2011 und nette Grüße Beate

  3. Danke Walter. Ja es ist nicht einfach. Ich komme meistens gut mit ihrem Verhalten klar. Zumindest besser als Mutti. Ich weiß dass es nicht mehr meine Oma in dem Sinne ist die so handelt wie sie handelt. Das kann ich recht gut trennen. Irgendwie bin ich auch froh dass es die Krankheit ist. So muss ich nicht mehr darüber grübeln warum sie in den letzten 5 Jahren sich so mir gegenüber verändert hat. Nun weiß ich dass es eben mit der Demenz zu tun hat.
    Ich muss sagen, seitdem ich weiß dass sie krank ist, rege ich mich nicht mehr wirklich auf. Also nicht ihr gegenüber. Früher hat man gestritten und immer wieder diskutiert. Heute lass ich das weil ich weiß dass sie es nicht versteht und es nix bringt. Somit ist die Diagnose eigentlich sogar eine Lebenserleichterung gewesen.

  4. Ja das ist ein Lernprozess, den ich auch durchmachen musste. Und manchmal befind ich mich heute noch in einem solchen, da immer wieder neue Dinge auf mich zukommen. Ich hab aber eine gaaaanz grosse Hilfe in Inge. Die kümmert sich auch rührend um meine Mutter. So bin ich also nicht ganz auf mich gestellt.

  5. Es ist gut wenn man nicht allein damit ist. Wir sind ja auch zu zweit. Meine Ma und ich kümmern uns um Oma. Und wenn abends mein Mann heim kommt und merkt dass es für mich ein harter Tag war, kümmert er sich auch ein wenig um mich. So hat er heute abend sich mit mir unterhalten, gekuschelt und mich dann einfach schlafen lassen ohne noch zu fordern, dass ich ihm Abendessen koche. Da hat er sich halt selbst was zu essen gemacht. Das ist mir auch eine große Hilfe.

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