Bücher bieten Hilfe bei der Aktivierung von Demenzkranken – wie schauts bei Oma aus

Das zumindest erhoffe ich mir. Aber ich zäume gerade das Pferd von hinten auf. :)

591027_web_R_K_B_by_Gerd Altmann_Anja Wichmann_pixelio.deDie Lage mit Oma ist momentan gleichbleibend. Wir merken immer deutlicher dass wir sie nicht wirklich lange in ihrer Wohnung mal allein lassen können, zumindest tagsüber. Je nach Laune sitzt sie dann entweder nur im Rollstuhl in der Stube und liest Zeitschriften, aber ich weiß ehrlich nicht wieviel sie davon versteht, was sie da liest. Manchmal berieselt sie der Fernseher ohne dass sie dem Programm folgt. Einem Film folgen kann sie schon lange nicht mehr. Und dann darf sie ab 2013 wieder Rundfunkgebühren bezahlen trotz dem Merkzeichen RF. Zwar reduziert aber dennoch. Ich finde es eine Frechheit das Fernsehen zu Lasten der Kranken zu finanzieren. Schäm Dich Staat!

Das Eimer Problem
Zurück zu Oma. Wenn sie schlecht drauf ist, kommt sie auf seltsame Ideen. Immer wieder kommt es zum Eimer-Problem. Sie merkt sie muss auf Toilette. Sie vergisst dass sie einen Toilettenstuhl hat und sucht in der Küche Eimer um darauf zu pinkeln. Sie merkt dass sie keine hat und klingelt dann aufgebracht an meiner Tür. Sie verlangt dann wahlweise zwischen 1 bis 4 Eimer, die ich geklaut hätte. Manchmal ist es schwer sie dann zu beruhigen und abzulenken. Meist geht sie dann motzend auf den Toilettenstuhl.

Döniken durch Langeweile
Ihre liebste Langeweilebeschäftigung ist: Rumgucken was sie verändern kann!
Das nervt tierisch…..

Sie sitzt dann in ihrem Rollstuhl und schaut umher. Von Glastüren zum Schieben die sie an einem 5 Euro CD Regal haben möchte, weswegen sie dann einen Glaser anrufen will, bis hin zu der Teppich muss raus und die Blumen müssen gemacht werden.

Blumen – das Stichwort…. noch einmal das Wort Blumentopf und ich laufe Amok….

Das Blumentopf-Fiasko
Sie saß im Rollstuhl  und schaute rum. Sie nahm das Telefon und rief ihre Schwester an. Sie habe da einen großen Kaktus, was sie mit dem machen solle. Ihre Schwester sagte: Verkaufen.
Prompt stand Oma bei mir vor der Tür und lieh sich meinen Mann aus, er solle Blumen aus ihrer Wohnung holen, die ich verkaufen solle. 4 große Blumen wurden rüber zu mir getragen. Ein Kaktus war nicht dabei…..

5 Euro wollte Oma je Pflanze haben. Kein Thema. Meine Ma kaufte eine und ich gleich 2. Thema erledigt. Wurden aufs Fensterbrett gestellt und gut. Ja von wegen…. Oma fiel dann ein, dass sie die Blumentöpfe wieder haben wolle. Sie wolle nur die Blumen verkaufen. Wir einigten uns nach einigem hin und her darauf dass ich bis zum Tod der Blume den Topf leihweise behalten dürfte.

Am Abend wusste sie natürlich nichts mehr von der Vereinbarung und am nächsten Tag hat sie einen Aufstand gemacht…… sie brauche den Blumentopf, sie wolle jetzt in die Stadt und schauen ob sie noch so einen findet, dann könne ich den wieder haben. Oma kann nirgends mehr allein hingehen….. aber das glaubt sie natürlich nicht. Am Ende hab ich genervt die Blume wieder bei ihr hingestellt. Sie wollte mir die 5 Euro wieder geben, aber ich verweigerte die Annahme und sagte wir verrechnen es mit der letzten Blume. Das war für sie ok. Die letzte Blume ist im Müll gelandet! So! Das waren mir meine 5 Euro wert.

Nein Oma hat das natürlich nicht mitbekommen….. insgesamt hatten wir 5 Tage Freude mit dem Thema Blumentopf. Als nächstes erzählte sie dauernd sie wolle in die Stadt um noch so einen Topf zu suchen der nur etwas kleiner ist.

604590_web_R_K_B_by_Gerd Altmann_pixelio.deDas Gedächnis verschwindet immer mehr
Im allgemeinen fällt meiner Ma und mir immer mehr auf dass ihr Kurzzeitgedächtnis komplett im Eimer ist. Es funktioniert nur noch willkürlich. Das Langzeitgedächtnis ist auch nicht mehr zuverlässig. Eigentlich ist gar nichts mehr zuverlässig. Immer wieder höre ich wie Andere sagen “Da kam sie mir aber klar vor”. Ich sehe nichts Klares mehr bei ihr. Gar nichts. Ich sehe nur automatische Abläufe. Automatische Erwiderungen, keine eigenen Gedanken mehr. Ich sehe nur noch Funktionen und Abspielungen alter Aufzeichnungen jedoch mit Störrungen.

Das klingt nun vielleicht so als wenn ich meine Oma nicht mehr als Mensch sehe aber das stimmt so auch nicht, Ich sah heute einen Buchtitel namens “Das Herz wird nicht dement” und das stimmt. Oma fühlt und sie zeigt mehr Gefühle denn je offen zur Schau. Viele schlechte Gefühle aber auch positive. Das verhindert dass man herzlos ihr gegenüber wird, aber es macht es auch nicht einfacher es mitanzusehen wie sie sich noch weiter verliert. Tod auf Raten – ein grausamer Tod.

Kein Antrieb mehr
Ich merke also die letzten Monate wie Oma immer weniger eigene Antrieb hat, ach eigentlich gar keinen eigenen mehr. Normale Gespräche enden oft in Ärger, weil ihr irgendwas nicht passt oder sie irgendwas will was sie nicht mehr kann. Sie war schon immer anstrengend wenn es um ihre fixen Ideen ging. Ich war Oma eine Zeitlang etwas ausgewichen. Klar war ich immer noch täglich bei ihr aber ich entzog mich oft dem Gespräch und überließ sie meiner Ma da sie bei ihr friedlicher war. Ich war dann der Puffer wenn sie bei meiner Ma aggressiv wurde. Dieser Personenwechsel lenkt sie ab und sie wird ruhiger. Oder ihr Ärger wird von meiner Ma auf mich projiziert und danach kann sie mit meiner Ma wieder friedlich sein. Man lernt Wege zu finden damit zurecht zu kommen.

Da ich merkte dass das normale Gespräch und Beisammen sein mit Oma so nicht mehr funktioniert, begann ich mich umzusehen wo ich Ideen herbekomme was ich mit ihr machen kann. Ich habe keine Lust mehr nur dazusitzen und zu warten dass sie anfängt zu schimpfen. Immer wenn das Gespräch ihr zu langweilig wird, beginnt ihr Langeweile-ich-will-verändern-Blick umherzuwandern. Das endet nie gut! So begann ich im Web rumzusurfen. Schaute hier und da und stolperte irgendwann über Bücher aus der Altenpflege.

Ob Bücher helfen?
Ich bestellte erstmal nur das Gedichtebuch und das Ideenbuch. Das Ideenbuch war ein Reinfall. Es ist nur für Gruppen geeignet von mindestens 5 Teilnehmern. Das war nun nicht das was ich suchte. Ich habe es zurück geschickt. Das Gedichtebuch hingegen war ein voller Erfolg. Ich lese ein Gedicht vor und danach gibt es Gesprächsthemen zum Gedicht mit welchen ich mich mit Oma unterhalten kann. Dabei geht es dann erstmal um Erinnerungen aus ihrem Leben. Leider fiel mir dabei stark auf dass sie erfindet. Sie erzählte sie mir von einem Schwein was in ihrer Wohnung schon rumgelaufen sei und angeblich meiner Ma gehört habe. Ich hab keine Ahnung was sie in Wirklichkeit meinte. Aber sie hatte Spaß und das ist die Hauptsache. Dann gab es Redewendungen zu raten, was sie sehr gut kann. Bei den Scherzfragen ist sie überfordert und auch beim Wortraten. Wenn man sagt, lass und Worte mit E suchen dann kommt von ihr nichts. Ich lese dann einfach ein paar Worte vor und lasse sie zu diesen Dinge erzählen. Sie soll ja nicht merken dass sie das nicht mehr hinbekommt sondern Erfolgserlebnisse haben.

Ich bestellte nun noch weitere Bücher mit ähnlichem Prinzip (hey auch ich will Abwechslung dabei….) Darunter Alltagsgeschichtenbuch 1 und das Alltagsgeschichtenbuch 2, Malen mit Dementen, das Schmunzelbuch und das Märchenbuch. Diese Bücher sind vom Aufbau genau wie das Gedichtebuch. Ich finde die alle toll und freue mich da immer wieder diese zu nutzen. Ja sie sind sauteuer aber das ist es mir wert. Sie helfen mir wieder gern mit Oma zusammen zu sein und ihr gute Gefühle zu bereiten. Das ist wichtiger als jeder Cent den die Bücher kosten.

Ich kaufte auch 2 Aktivierungskarten-Sets bei denen ich aber noch nicht so weiß inwieweit sie für mich sinnvoll sein werden.

505682_web_R_B_by_Gerd Altmann_pixelio.deWelches Buch auch wunderbar funktioniert: Als die Kaffeemühle streikte. Hierbei handelt es sich um ein Vorlesebuch für Demenzkranke. Darin sind nur positive Geschichten. Man will ja nur positive Erinnerungen wecken. Ich nahm es und ging zu Oma und las ihr abends im Bett einfach die erste Geschichte vor. Die Geschichten sind nur 1,5 bis 2 Seiten lang aber das reicht vollkommen aus. Oma mümmelte sich ins Bettchen ein und schaute mich schläfrig an. Ich habe mich danach nicht weiter mit ihr über die Geschichte unterhalten. Sie sagte wie schön sie die fand und bat morgen wieder vorzulesen. Ich nahm ihr das Hörgerät ab, machte das Licht aus und ließ mir ein Küsschen von ihr auf die Wange geben. Das war ein schöner Moment. Man soll beim Vorlesen die zuhörende Person regelmäßig ansehen oder auch mal anfassen. Dann wird das Vorlesen für denjenigen interessanter. Beim Hochblicken und sie ansehen fiel es mir sehr schwer weiterzulesen. Ich musste mich sehr zusammen nehmen nicht zu weinen. Ihr leerer Blick ist das was für mich am schwersten ist zu ertragen. Sie blickte mich an wie ein kleines glückliches Kind und lächelte müde. Ich fühlte mich zerrissen. Einerseits war ich glücklich weil sie es war und andererseits war ich traurig weil sie nicht mehr sie ist.

Ich habe ihr versprochen weiterhin vorzulesen. Ich hoffe dass es mir mit der Zeit leichter fallen wird. Die Geschichte war übrigens sehr süß. Eine kleine Teetasse erzählt von ihrer Liebe und dem Älter werden. Sehr niedlich gemacht.

Ich habe nun noch ein paar solcher Vorlesegeschichten bestellt und schaue da mal durch was sinnig und was blödsinnig ist.

Nun will ich Oma damit natürlich auch nicht überfordern, das ist klar. Nur an den Tagen an denen sie nicht in der Tagespflege ist und keine Ergotherapie hat, werde ich die Bücher rauskramen. Das Vorlesen einer kleinen Geschichte ohne weiteres Gespräch danach soll jeden Abend passieren. So haben wir ein kleines Ritual. Ich werde auch meine Mutter mal vorlesen lassen, damit es nicht zu Problemen kommt wenn ich mal unterwegs bin.

Mir macht es auf jeden Fall viel Freude nun Dinge gefunden zu haben mit denen ich Oma positiv beschäftigen und aktivieren kann.

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