Conny, liebst Du eigentlich Deine Oma?

[..]dass du deine kranke oma ins internet stellst, finde ich unter aller sau. wie hast du ihr denn erklärt, warum du sie in youtube zeigst? es kommt überhaupt keine wärme rüber bei dir, wenn du über sie sprichst. liebst du sie überhaupt? und liebt sie dich?

Ich erhielt heute diese Fragen und möchte dazu im allgemeinen einmal eingehen.

dass du deine kranke oma ins internet stellst, finde ich unter aller sau.

1994 Ja es existieren durchaus ein paar Videos meiner Oma, die ich im Blog gezeigt habe. Wer diese bei YouTube findet ohne die Artikel zu sehen, der kann davon sicherlich irritiert sein. Doch geht es mir nicht darum meine Oma bloßzustellen und ich denke jeder der meinen Blog liest, weiß das auch. Es geht mir viel mehr darum anderen Angehörigen, die vor der selben Situation stehen, zu zeigen was auf sie zukommt und vielleicht findet der Eine oder Andere sogar Trost darin dass auch Andere sowas durchgemacht haben oder durchmachen. Mir haben damals die Erfahrungsberichte Anderer sehr geholfen und ich möchte davon ein Stück zurück geben. Außerdem hilft es mir damit klarzukommen wenn ich alles niederschreibe. Oft bekam ich auch gute Tipps und Hinweise von Lesern. Der Austausch war oft sehr hilfreich. Die Zeiten wo Alzheimer ein Tabu waren sind lange vorbei. Ich schreibe über eine schreckliche Erkrankung, die nicht heilbar noch aufhaltbar ist und nicht über meine “schlimme Oma”!

wie hast du ihr denn erklärt, warum du sie in youtube zeigst?

70er JahreDamals als wir die Anfänge der Krankheit bemerkten, habe ich mich natürlich noch mit Oma und meiner Familie darüber beraten und ausgetauscht ob ich das hier machen darf/kann. Meine Oma meinte: Wenn es Anderen hilft, dann mach halt, aber ich glaub kein Schwein wird sich dafür interessieren.” Als ich das erste YouTube Video von ihr hochgeladen habe, da hat sie gelacht. Die Kommentare habe ich ihr alle vorgelesen und sie freute sich wie verrückt darüber. “Ja sind die denn alle verrückt? Die spinnen doch sich eine alte Frau anzusehen.” Ihre Worte während sie lachte. Die letzten Videos meiner Oma sind alle nur im geheimen erschienen und bekamen nur enge Freunde und die Familie zu sehen. Der Zustand meiner Oma ist oft so dass ich keinen Mehrwert sehe, sie momentan zu zeigen. Sicherlich werde ich eines Tages mal Fotos von den ganzen Jahren einstellen bei denen man sieht wie sie sich verändert hat aber alles auf geschmackvolle Art und Weise.

es kommt überhaupt keine wärme rüber bei dir, wenn du über sie sprichst. liebst du sie überhaupt?

50er JahreMan muss bei der Pflege von einem an Alzheimer erkrankten Angehörigen unheimlich viel Kraft aufbringen um stark zu sein. Würde man einfach losweinen, wäre meine Oma sehr irritiert. Ich sah es häufiger bei meiner Großtante. Oma ist stark irritiert wenn diese Tränen in den Augen hat. Man muss daher so oft seine Trauer aber auch Wut auf die Erkrankung herunter schlucken. Man muss dauernd denjenigen belügen und immer Ja sagen damit es demjenigen gut geht.

Jemanden zu fragen, der seine an Alzheimer erkrankte Oma pflegt, ob er sie liebt, zeigt wie wenig sich derjenige mit der Pflege auskennst. Leider denken viele Menschen gar nicht darüber nach was es bedeutet jemanden zu pflegen.

Liebe ist der einzige Grund wieso jemand die Pflege daheim auf sich nimmt. Es ist der einzige Grund wieso man sich ständig Sorgen macht, ständig sein eigenes Leben zurückstellt, bis ans Ende seiner Kräfte durchhält, ständig Beschimpfungen und teils auch Schläge über sich ergehen lässt und dennoch weiter macht. Liebe ist der einzige Grund wieso man es auf sich nimmt dabei tagtäglich zuzusehen und die Hand zu halten während der erkrankte Mensch Stück für Stück sich selbst verliert.

Keiner in meiner Familie zerbrach je an Schicksalsschlägen. Wir finden selbst in den traurigsten Momenten noch einen Grund zu scherzen und schmunzeln. Das bedeutet aber nicht dass wir nicht auch trauern oder eiskalt sind. Jeder geht mit schlimmen Dingen anders um und das sollte man meiner Meinung nach nie verurteilen.

und liebt sie dich?

1980 mit mirObwohl meine Oma mich oft beschimpft und die wildesten Dinge manches Mal mir vorwirft, liebt sie mich mehr als alles andere. Ihre Aggressionen mir gegenüber kommen einzig durch ihr Unverständnis der Welt was durch die Erkrankung entstanden ist. Ich bin die Tochter, die sie sich immer gewünscht hat und nicht selbst bekam. Ich bin ihre “Krabbe” wie sie mich früher nannte. Sie gibt mir jeden Abend einen Gute-Nacht-Kuss und freut sich jeden Abend über meine Gute-Nacht-Geschichte. Sie strahlt wenn ich irgendwo auftauche, wo sie nicht mit mir rechnete und jede Umarmung von mir ist für sie Balsam auf ihrer Seele. Ja meine Oma liebt mich wie nur eine Oma ihr Enkelkind lieben kann.

3 thoughts on “Conny, liebst Du eigentlich Deine Oma?

  1. ich bewunder euch,wie aufopfernd du und deine familie euch um „oma“ kümmert :)
    ich finde genauso,wie du,mdass die person,die das geschrieben hat einfach nicht verstanden hat worum es geht und vor allem wie viel kraft so eine situation auch die angehörigen kostet.
    den beitrag hast du sehr schön egschrieben und ich hoffe der/die fragesteller/in liest diesen blogeintrag von dir auch…dann wird er/sie es bestimmt etwas besser verstehen :)

    liebe grüße

  2. Oh Gott ich flenn gleich! So schön! Insbesondere der letzte Absatz rührt mich total zu Tränen, so liebevoll ist er geschrieben! Ich wünsche mir mehr solcher Angehörige für die Omas und Opas in dem Altenheim in dem ich arbeite. Soll nicht heißen dass es die dort nicht gibt aber es dürfen gerne mehr sein. Conny, ich kanns nur wieder und wieder sagen: ich bewundere deine Stärke damit umzugehen! Wie du schon sagtest kommt diese selten blöde Frage wohl von jemandem der keine Ahnung von Pflege eines demenzkranken Menschen zu Hause hat!

  3. Na klar doch,jemand der einen an Demenz erkrankten Menschen zu Hause pflegt liebt ihn überhaupt nicht :ironieg:

    Denke es gibt keinen größeren Liebesbeweis…und ich weiß wovon ich rede.
    ich habe eine Zusatzausbildung“Seelsorge im Altenheim“..meine Praxis hab ich auf der geschlossenen Demenz Station gemacht.
    ich ziehe meinen Hut vor jedem der das Zuhause schafft.das ist nämlich noch schwieriger ,da die Bindung da ist,
    Wie du gesagt hast,man muß sich zusammennehmen,gefühle versteht ein Demenzkranker nicht unbedingt.
    Lass dich von so dummen Fragen nicht runterziehen,vielleicht weiß es die Fragende auch einfach nicht besser und hatte noch nie Kontakt mit Demenzkranken.
    ich wünsche euch weiterhin viel Kraft und hoffe das ihr die für Angehörigen vorhandenen Angebote nutzt.den ich habe schon oft gesehen wie die Angehörigen gesundheitlich zugrunde gingen.

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