Samstag, Januar 26th, 2013 | Author:

Unter dem Hashtag #aufschrei schreiben momentan Frauen was ihnen an Sexismus im Alltag begegnet. Vieles wird in meinen Augen dabei durcheinander geworfen. Frau Meike hat das in meinen Augen sehr gekonnt zusammen gefasst was mir durch den Kopf geht, denn bei der Debatte fehlt es oft an Abgrenzungen der Begrifflichkeiten.

Die Debatte über Sexismus interessiert mich insgesamt relativ wenig. Sexismus begegnet mir selten, ich lege da auch vieles nicht auf die Goldwaage, bin selbstbewusst und gebe ggf. auch freundlich Konter. Bin ich mir in einer Situation unsicher wie ein Mann etwas meint, frage ich nach oder entscheide zu seinen Gunsten. Damit fahre ich gut. Ich gehöre nicht zu den Frauen die Ohrfeigen verteilen oder wütend reagieren wenn ein Mann nachpfeift. In meinen Augen sind meist Frauen gegenüber anderen Frauen sexistischer als je ein Mann es sein könnte.

Dennoch verfolge ich den Hashtag, denn ein anderer Teil der Debatte, ist für mich wirklich interessant, auch wenn es in meinen Augen nichts mit Sexismus zu tun hat. Viele Frauen nahmen es als Anlass über sexuelle Belästigungen zu schreiben in Form von Übergriffen und ihre Angst sich in der Öffentlichkeit vor allem Nachts zu bewegen. Ich bewundere es wenn Menschen offen mit diesem Thema umgehen, denn es darf kein Tabu sein. Und ich glaube durchaus dass vielen Männern gar nicht bewusst ist wie allgegenwärtig die Angst vor Belästigungen bei Frauen vorhanden ist.

Und daher reihe ich mich nun ein bei denen die berichten, aber nicht als Aufschrei gegen Sexismus sondern einfach als Bericht dessen was jede zweite Frau mindestens einmal im Leben erlebt um zu Sensibilisieren wie Frauen empfinden.

Als ich mit 7 Jahren von der Schule heimkam, schlüpfte ein Mann hinter mir durch die Haustür. Er fasste mich am Hosenstall an und bot mir 2 DM wenn ich ihn mal anfassen lassen würde. Ich sagte laut Nein und drehte mich weg. Ich hatte Glück dass er daraufhin abhaute.

Als ich 15 Jahre alt war, wurde ich im Urlaub von einem Angestellten des Campingplatzes zum Essen eingeladen. Er war etwas älter als ich und ich fühlte mich geschmeichelt dass er mit mir flirtete. Ich nahm seine Einladung an, wieso auch nicht. Es war ein netter Abend und wir machten danach noch einen Spaziergang um den See. Auf der Rückseite des Sees jedoch – im Dunkeln wo kein Mensch war – wurde er zudringlich und versuchte mit Gewalt zu bekommen wonach ihn sehnte. Er bekam mein Knie in eine Region, die ihm eigentlich heilig war. Statt mir lag er flach und ich war weg.
War ich zu naiv mit ihm um den See zu gehen? Nein, ich würde es heute genauso machen. Es war ein netter Abend, er war zuvorkommend und freundlich, das konnte ich nicht vorab ahnen. Den Rest des Urlaubes konnte er diese Zurückweisung nicht verkraften und stellte mir nach wo immer er konnte. Ich schämte mich damals weil ich mich dumm fühlte es nicht doch geahnt zu haben und erzählte es nur einem Freund vor Ort. Dieser ließ mich fortan bis zu meiner Abfahrt nach Hause nicht mehr aus den Augen. Andere Freunde im Urlaub merkten nur wie mir der Angestellte nachstellte und nahmen mich verbal auf die Schippe mit Sätzen wie “Schau Dein Freund starrt wieder nach Dir.” oder “Na Conny hast einen Verehrer”. Damals hatte ich nicht die Kraft es richtig zu stellen. Die Scham war zu groß, ich war dem typischen Muster verfallen ob ich das Ganze nicht doch provoziert hätte, was natürlich Unsinn war. Doch Opfer nehmen oft diese Haltung ein und genau deswegen ist das Schweigen die Folge. Es war der einzige Urlaub bei dem ich jemals glücklich war heimzufahren. Doch bereute ich später, dass ich nicht den Mund aufgemacht habe. Wie ich später erfuhr hat er im Jahr darauf noch ein Mädchen belästigt. Sie war schlauer als ich und machte den Mund auf.

Mit 16 Jahren war ich wieder im Urlaub. Eines Nachts hatte ich mich aus meinem Zelt geschlichen und war mit einem Urlaubsbekannten sowie jemandem vom Personal und noch einer Dame von einem anderem Campingplatz losgezogen um auszugehen. Es war das einzige Mal dass ich mich weggeschlichen habe um Feiern zu gehen. Jeder Teenager schlägt mal über die Stränge und bei mir war es in jenem Urlaub soweit. Wir fuhren in ein Tanzlokal. Wir tranken Alkohol und tanzten, lachten, feierten einfach. Wir hatten Spaß. Der 32jährige DJ hatte ein Auge auf mich geworfen und flirtete ein wenig mit mir. Ich fühlte mich geschmeichelt und unterhielt mich mit ihm, ließ mir ein Getränk ausgeben aber das wars.. Nothing more. Aus meinem Alter hatte ich auch kein Geheimnis gemacht. Als ich einige Zeit später die Toiletten aufsuchte, kam der DJ kurz nach mir in den Waschraum. Er schloss die Tür hinter sich ab und kontrollierte ob noch jemand im Raum wäre. Er drängte mich in eine der Toiletten und seine Hände machten deutlich klar was er wollte. Ich wehrte mich und versuchte ihn von mir zu stoßen. Ich sagte deutlich dass ich das nicht wolle. Es interessierte ihn nicht. Einer meiner Begleiter hatte glücklicherweise gesehen wie der Kerl mir hinterher gegangen war und wollte nachsehen kommen. Als er merkte dass die Tür abgeschlossen war und hörte wie ich Nein rief, trat er die Tür ein und zog den Kerl von mir weg. Ich zitterte am ganzen Körper, fing mich jedoch recht schnell. Habe ich später meinen Eltern davon erzählt? Ja aber erst viele Jahre später. Sie bekamen noch im selben Urlaub raus dass ich mich weggeschlichen hatte und dennoch habe ich von dem Übergriff nichts erzählt. Ich war der Meinung selber Schuld zu sein. Ich hatte mir ja ein Getränk ausgeben lassen. Dumm so zu denken doch wie schon erwähnt, Opfer nehmen oft diese Rolle ein.

Einige Zeit später im selben Jahr holte ich eine Zeitlang jeden Morgen frische Brötchen vom Bäcker. Dabei kam ich an einem Obststand vorbei. Einer der Verkäufer hatte wohl Gefallen an mir gefunden, denn er pfiff mir jeden Morgen hinterher, später machte er Sprüche und irgendwann stellte er sich mir in den Weg und verlangte einen Kuss-Wegzoll. War es Belästigung? Er war heiß, ich bitte Euch. Ich fühlte mich nicht belästigt, ich fühlte mich geschmeichelt. *schulterzuck* Wäre es soweit gekommen wenn er statt knackige Anfang 20 schleimige Ende 60 gewesen wäre? Vermutlich nicht, denn dann hätte ich es bestimmt freundlich unterbunden.

Mit 17 Jahren hatte ich ein wunderschönes Minikleid. Es war beige und hatte kleine Blümchen drauf. Es lag relativ eng an. Und ja es war kurz, aber nicht zu kurz, ok vielleicht minimal ein Stückchen zu kurz. Dazu ein paar beige Stiefel und fertig war mein Sommeroutfit. Ich trug es unheimlich gern und ja ich sah damals heiß darin aus. Als ich einmal in der Stadt zum Einkaufen war, wurde ich fast eine halbe Stunde von einem Mann in entsprechendem Abstand verfolgt. Er fiel mir relativ schnell auf obwohl er doch deutlich Abstand hielt. Ich begab mich in verschiedene große Geschäfte um ihn abzuschütteln und auch weil ich mir zuerst nicht sicher war ob ich mir das Verfolgen nicht doch nur einbildete – doch immer wieder sah ich ihn plötzlich wieder, wenn ich gerade dachte er sei endlich weg. Abgelassen hat er erst von mir als ich glücklicherweise auf einen Freund traf, welcher fast 2 Meter groß ist. Es war ein Moment in dem ich unheimlich glücklich war dass Hannover so ein Dorf ist…. man trifft immer jemanden den man kennt. Mein Freund brachte mich dann heim und wich nicht von meiner Seite. Ich hatte ihm sofort gesagt was los war.

491210_web_R_K_B_by_Gerd Altmann_pixelio.deAuch mit 17 Jahren war ich bei einem Konzert am Maschsee. Als das Konzert zu Ende war, machten meine damalige Freundin und ich uns auf den Heimweg. Wir gingen zur U-Bahn. Es war ca. 3 Uhr morgens. Ein junger Mann war plötzlich wie aus dem Nichts neben mir und sagte Hi. Automatisch ohne nachzudenken sagte auch ich Hi. Von da ab hatten wir – oder eher gesagt ich – keine Ruhe mehr vor ihm. Er verwickelte mich in ein Gespräch und wollte mich die ganze Zeit zu einem Date überreden. Er wollte erreichen dass ich mit ihm heimkommen würde, pries die sexuellen Vorzüge afrikanischer Männer an und keine Ahnung was noch für ein Zeug. Erst nachdem ich ihm eine falsche Telefonnummer gab und versprach mich mit ihm zu treffen, ließ er von uns ab. Ich empfand das Ganze nicht mal wirklich als Belästigung. Er war eben hartnäckig. Meine damalige Freundin jedoch schien die ganze Zeit Angst gehabt zu haben und machte mir böse Vorwürfe dass ich “Hi” erwidert hätte. Sie war tierisch genervt während ich das Ganze eher belustigend fand. Der junge Mann war auch nicht unsympathisch und sah gut aus, etwas hartnäckig durchaus aber nicht bösartig. Für mich zeigt dies Erlebnis wie unterschiedlich die Wahrnehmung sein kann..

Trage ich die bösen Erlebnisse heute noch mit mir rum? Nein, sie sind verarbeitet. Doch es gibt Frauen, die sowas niemals verarbeiten können, vor allem die, die nicht soviel Glück im Unglück hatten wie ich. Jede Frau kann leicht in solche Situationen kommen. Unbeabsichtigt, ungewollt, unverschuldet. Solche Übergriffe sind unberechenbar. Es hilft nicht zu sagen “Hätte sie mal keinen Minirock getragen” denn das ist dabei wirklich total nebensächlich.

Ich hatte trotz dieser Erlebnisse als junge Erwachsene im Alter von 18 bis 21 Jahren nie Angst nachts von der Disco heimzukommen oder irgendwo rumzulaufen. Es machte mir auch nichts aus nachts mit der U-Bahn zu fahren. Egal ob Besoffene da rumsaßen oder nicht. Doch heute mit über 30 Jahren ist das anders.

Ich hatte gerade vor Kurzem ein Gespräch mit einer Bekannten über das Thema “sich unwohl fühlen wenn man nachts unterwegs ist”. Uns beiden ergeht es in dem Punkt gleich dass man mittlerweile im Dauer-Scan-Modus seiner Umgebung ist. Und nun lese ich auch bei Anderen, dass es ihnen genauso ergeht.

Ich schiebe dies jedoch weniger auf sexuelle Belästigungen sondern auf Belästigungen allgemein und auf die Weisheit des Alters. Man hat mit den Jahren zuviel gesehen und erlebt. Man kann Gefahren heute eher einschätzen und erkennen vor allem deren Folgen. Als Frau ist man sowieso immer in einem Scan-Modus. Vielleicht sogar noch in den Genen aus der Steinzeit vorhanden. Denn dort blieb die Frau bei der Höhle zurück und scannte immer die Umgebung auf Gefahren um die Höhle verteidigen zu können. Angst vor sexuellen Übergriffen habe ich auch heute noch nicht wenn ich nachts mit der Bahn fahre oder irgendwo rumlaufe. Eher vor Überfällen und Diebstählen oder einfach Betrunkenen, die auf Krawall aus sind. Das sind eher die Sorgen, die ich habe, wenn ich irgendwo langgehe und plötzlich Schritte hinter mir höre. Und das ist eher der Grund wieso ich in der U-Bahn weggucke oder ein “Lass-mich-in-Ruhe” Gesicht aufsetze. Nicht die Angst vor sexueller Belästigung sondern die Angst vor Pöbeleien.

Ich weiß jedoch von vielen Frauen, dass bei ihnen eher die Angst vor der sexuellen Belästigung im Vordergrund steht. Einfach die Angst hilflos in einer potentiell gefährlichen Situation zu sein. Doch was kann Mann dagegen tun? Wenn ein Mann spürt dass eine fremde Frau unbegründet Angst vor ihm hat, ist das auch für ihn nicht angenehm. Kann man überhaupt allgemein erwarten dass ein jeder Mann sowas erkennt? Ich denke zu wenige Männer wissen bisher überhaupt wie oft Frauen in solche Situationen kommen um sensibel genug zu sein überhaupt zu erkennen wie Frau sich des nachts allein unterwegs fühlt. Und das ist der Grund weswegen ich diesen Seitenzweig von dem Twitter-Meme als wichtig empfinde.

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2 Responses
  1. Philipp M. sagt:

    Da hast du aber ganz schön Glück gehabt, dass die nie wirklich etwas passiert ist! Aber man sieht eben auch: Selbstbewusstes Auftreten ist meist das A und O.

  2. [...] es nimmer hören, lesen, sehen – whatever. Von Anfang hat fand ich den Nebenstrang bezüglich “Schweigen brechen” in Bezug auf Gewalttaten und Co. spannend aber man muss deutlich sagen, das ist eigentlich [...]

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