Die Achterbahn der Demenz

Für Wegweiser Demenz habe ich vor kurzem einen Gastartikel geschrieben. Ihr könnt ihn hier oder direkt dort lesen. Es dreht sich in dem Artikel um ein Erlebnis mit meiner Oma.

Die Achterbahn der Demenz

“Ahhhhh”, schrie ich auf. Der Schmerz zog von meiner Hand hoch in meinen Arm. Wie Feuer brannte die Stelle, an der sich noch immer die Zähne meiner Oma festgebissen hatten. “Hör auf. Ahh das tut weh!”, schrie ich sie an. Meine Stimme drohte sich zu überschlagen, doch Oma reagierte nicht. Ich versuchte meine Hand von ihr wegzuziehen und fasste sie dabei mit meiner anderen Hand am Oberarm an. Die Berührung veranlasste sie wohl loszulassen. Meine Hand gehörte wieder mir. Der Schmerz pochte. Ein Abbild ihrer 32 Argumente strahlte mich von meiner Hand an, welche Gott sei Dank nicht blutete.

Ich war wütend, entsetzt, überrascht, ratlos und noch so vieles mehr in nur einer Sekunde. Während ich meine schmerzende Hand festhielt, fragte ich meine Oma, was das sollte. Sie schrie mich an, dass ich die Tube ja nur für mich wolle und ihr alles wegnehmen wolle. Die ganze Situation war so absurd, so unvorhersehbar gewesen, dass ich in meine Wohnung floh und mich sammeln musste.

Was war passiert?

Meine Oma war dement. Schon lange pflegte ich sie und lebte Tür an Tür mit ihr zusammen. Meine Wohnung lag genau neben ihrer, so dass ich immer für sie da sein konnte. Ihre Demenz kam schleichend, die ersten Anzeichen der Krankheit äußerten sich gepaart mit Aggressivität. Ich war ihre Lieblingsenkelin, das Mädchen, welches sie nicht selbst gebar, sich als „Jungsmama“ aber immer gewünscht hatte. Wir hatten immer ein sehr gutes Verhältnis zueinander. Meine Eltern lebten eine Etage über meiner Oma, ich wuchs also mit meinen Großeltern im Haus auf. Doch im Alter, Opa war schon lange tot, häuften sich die Streitigkeiten mit meiner Oma. Sie reagierte auf Hilfestellungen böse, begann unsinnige Unterstellungen zu äußern und wurde immer wunderlicher.

Die Diagnose Demenz war für uns überraschend, doch auch erleichternd. Endlich wussten wir, dass Sie nicht einfach böse uns gegenüber war, sondern sie an einer Krankheit litt. Sie war einfach nicht mehr sie selbst, verängstigt und beherrscht von der Erkrankung. Sie hatte sich zum Teil schon verloren. Die Diagnose brachte mir große Erleichterung, ich wusste nun, wieso, ich in ihren Augen von der geliebten Großtochter zum angeblichen Teufel mutiert war. Doch war dies immer nur zeitweise so, weswegen ich unser Zusammenleben dennoch im Kern als harmonisch beschreiben würde.

An dem Tag des Bisses war Oma durch den Wind. Sie hatte einen kleinen Ausschlag in der Ellenbeuge, der täglich zweimal mit Fettcreme eingecremt werden musste. Das lief seit Tagen gut. Doch an jenem Tag war es anders Sie war wieder ständig Dinge am Suchen, war durcheinander mit den Wochentagen und wetterte gegen alles und jeden.

Als sie am Nachmittag von der Tagesbetreuung kam, suchte sie die halbe Wohnung nach der Fettcreme ab. Ich half dabei und nachdem wir fündig wurden, wollte ich sie eincremen. Sie weigerte sich zum ersten Mal und bestand darauf, es selbst zu tun. “Warum nicht?”, dachte ich bei mir und gab ihr die Tube. Sie cremte sich ein und ich bat sie, mir die Tube wiederzugeben und griff zeitgleich in die Richtung der Tube. Da biss sie zu.

Nachdem ich in meiner Wohnung war, atmete ich durch. Ich versuchte mich zu beruhigen, drängte die aufsteigenden Tränen zurück und fasste mich, um wieder zu Oma zu gehen. Sie war aufgebracht, sprach davon, dass ich ihre Tube klauen wollte, sie nur für mich selber verwenden wolle und sie dann zusehen könnte, mit welcher Creme sie sich eincremen könne. Mit Logik war ihr nicht beizukommen, dennoch erklärte ich ihr, dass ich die Tube nur für sie verwahre, damit sie nicht verschwinden würde und sie morgens wieder mitbringen würde. Sie kramte in ihrer Handtasche und wollte losziehen, sich eine neue Tube zu kaufen. Mein Reden schien sie zu besänftigen, denn sie verwarf den Gedanken des Neukaufes.

Ich atmete durch. Doch nur kurz später griff sie erneut in ihre Tasche und zog ihren Geldbeutel hervor. Panik machte sich in mir breit. Sollte es etwa wieder von vorn losgehen? Musste ich wieder 20 Minuten Kraft aufbringen, um sie vom Einkauf abzuhalten?

Sie zog einen 5 Euro Schein aus ihrer Geldbörse und kam auf mich zu. Sie gab ihn mir mit den Worten: “Dein Osterei. Kauf Dir was Schönes zu Ostern, mein Schatz.”

Als ich wieder in meiner Wohnung war, konnte ich die Tränen nicht mehr zurückhalten. Die Achterbahn der Demenz hatte mich mit voller Kraft aus der Bahn geworfen.

Doch sind es genau jene Momente, welche einem die Kraft geben, weiterhin den geliebten Menschen zu pflegen. Denn irgendwo hinter dem Biss und der Panik und dem Geschrei, irgendwo steckt die Oma, welche einem 5 Euro zu Ostern zusteckte, als man noch ein Kind war.

4 thoughts on “Die Achterbahn der Demenz

  1. Hallo,

    danke für den tollen Artikel und dass du hier deine Erfahrung mit deiner Oma geteilt hast. Meine Mutter bekam vor einigen Tagen auch die selbe Diagnose. Leider sind mein Mann und ich voll berufstätig und können nicht ständig auf sie aufpassen. Für uns ist es auch zu gefährlich sie einfach alleine zu lassen, da sie in letzter Zeit auch schon beim Einkaufen nicht mehr nach Hause gefunden hat. Wir haben bereits etwas recherchiert wie man vorgehen sollte. Wir hätten für sie eine schöne Seniorenresidenz ganz in der Nähe von uns herausgesucht.
    Wir denken, dass das eine gute Lösung wäre. Andererseits habe ich auch ein schlechtes Gewissen, sie einfach so „abzuschieben“. Hattest du auch einmal darüber nachgedacht deine Oma in ein Heim zu geben bzw. wie denkst du da darüber? Eine Pflegerin kommt für sie nicht in Frage. Auf dieses Thema habe ich sie schon angesprochen.

    Ich freue mich auf deine Rückmeldung.

    Gruß
    Hannelore

  2. Wir mussten meine Oma ins Heim geben, als sie sich den Oberschenkelhalsknochen gebrochen hatte. Es gab keinen Weg zurück, da sie nicht mehr laufen lernte nach der Op. Sie hatte im Kopf zu große Angst zu fallen und fiel damit immer. Jeder Laufversuch scheiterte. Damit konnte sie nicht in unsere Nähe ins Heim (Gott sei Dank, das fackelte nämlich unter’m Dach – wo ihr Zimmer gewesen wäre) ab und 2 Senioren starben….) sondern 30 Min. entfernt in die Nähe ihrer Schwester. Innerhalb kürzester Zeit erkannte sie niemanden von uns mehr. :( Das war sehr schade.

    Wenn sie in ein Heim ziehen mag, dann wäre das eine Lösung. Solange sie noch selbst mitmacht, umso besser. Wir haben Oma gar nicht mehr fragen können, es gab schlicht keine andere Wahl. Wenn das Heim auf Demenzkranke ausgelegt ist, dann passt es. Unseres hatte eine eigene Demenzstation. Wichtig ist auch, wie sie mit weglaufenden Demenzkranken umgehen, falls Deine Mutter eine Weglauftendenz hat.

    Man kann auch erst eine Kurzzeitpflege machen, wenn Deine Mutter schon die Pflegestufe hat.

    Ich wünsche Euch viel Kraft auf dem schweren Weg.

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