Ich wünsche mir eine Welt, in der die Menschen ihren gesunden Menschenverstand wieder häufiger benutzen. Diesen Wunsch habe ich vermutlich mit ziemlich vielen Menschen gemeinsam. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr frage ich mich: Was genau ist eigentlich dieser gesunde Menschenverstand, auf den sich alle so gern berufen?
Und vor allem: Wer entscheidet, wann ein Menschenverstand gesund ist?
Bei körperlicher Gesundheit haben wir zumindest einigermaßen nachvollziehbare Kriterien. Wobei selbst da die Frage, was gesund ist, längst nicht immer so eindeutig beantwortet werden kann. Aber wie sieht es mit unserem Denken aus? Wo endet der gesunde Menschenverstand und wo beginnen Vorurteile, Manipulation oder sogar Indoktrination?
Ist ein Menschenverstand beispielsweise noch gesund, wenn er über Jahre hinweg von rechtsextremen Ideologien beeinflusst wurde? Wenn jemand gelernt hat, bestimmte Menschengruppen grundsätzlich abzuwerten, und diese Haltung inzwischen für vollkommen selbstverständlich hält?
Für diesen Menschen mag seine Denkweise logisch erscheinen. Vielleicht beruft er sich sogar ausdrücklich auf seinen gesunden Menschenverstand. Aber macht das seine Überzeugungen deshalb vernünftig?
Natürlich betrifft diese Frage nicht ausschließlich rechte Ideologien. Grundsätzlich können politische, religiöse oder gesellschaftliche Überzeugungen unser Denken so stark prägen, dass wir irgendwann gar nicht mehr bemerken, wie sehr sie unsere Wahrnehmung beeinflussen.
Und genau da wird es interessant. Denn worauf beruht unser Menschenverstand eigentlich?
Doch zu einem erheblichen Teil auf Erfahrungen. Auf dem, was wir gelernt, erlebt und beobachtet haben. Auf unserer Erziehung, unserem Umfeld und den Informationen, mit denen wir im Laufe unseres Lebens konfrontiert wurden.
Aber Erfahrungen sind nun einmal individuell.
Was ich erlebt habe, muss für einen anderen Menschen überhaupt nicht gelten. Was in meiner Familie selbstverständlich war, kann in einer anderen völlig ungewöhnlich sein. Was ich für logisch halte, kann jemand anderes aufgrund seiner Erfahrungen ganz anders beurteilen.
Wie will man daraus also einen allgemeingültigen gesunden Menschenverstand ableiten?

Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Jemand hat sein ganzes Leben lang erlebt, dass harte Arbeit zum Erfolg führt. Für ihn ist es deshalb selbstverständlich, dass jeder Mensch mit ausreichend Anstrengung alles erreichen kann.
Klingt zunächst logisch.
Allerdings nur, solange man ignoriert, dass Menschen mit völlig unterschiedlichen Voraussetzungen ins Leben starten. Gesundheit, finanzielle Möglichkeiten, familiäre Unterstützung, Bildung und manchmal schlicht Glück spielen ebenfalls eine Rolle.
Der vermeintlich gesunde Menschenverstand basiert in diesem Fall auf einer persönlichen Erfahrung, die kurzerhand zur allgemeinen Wahrheit erklärt wird.
Und genau das passiert ständig!
Wir halten unsere eigenen Erfahrungen für einen zuverlässigen Maßstab und vergessen dabei, dass wir nur einen winzigen Ausschnitt der Wirklichkeit kennen. Noch schwieriger wird es, wenn Erfahrungen gar nicht selbst gemacht wurden, sondern auf Erzählungen, Vorurteilen oder gezielt verbreiteten Behauptungen beruhen.
Wenn mir von klein auf vermittelt wird, dass bestimmte Menschen gefährlich, faul oder weniger wert seien, kann sich daraus ein Weltbild entwickeln, das sich für mich vollkommen schlüssig anfühlt. Schließlich habe ich es nie anders kennengelernt.
Aber ist etwas vernünftig, nur weil es sich vertraut anfühlt?
Vielleicht liegt genau hier das eigentliche Problem mit dem Begriff des gesunden Menschenverstandes. Er klingt nach einer objektiven Fähigkeit, die jeder Mensch besitzen sollte. Tatsächlich wird er aber häufig als Begründung für die eigene Sichtweise benutzt.
„Das sagt einem doch schon der gesunde Menschenverstand!“
Ein Satz, mit dem sich wunderbar jede weitere Diskussion abwürgen lässt. Denn wer widerspricht, dem fehlt offenbar genau diese Fähigkeit.
Ziemlich praktisch, wenn man darüber nachdenkt.

Dabei ist auch mein eigener Menschenverstand nicht frei von Einflüssen. Ich habe meine Erfahrungen gemacht, meine Überzeugungen entwickelt und meine persönlichen Maßstäbe. Natürlich halte ich vieles davon für richtig. Sonst würde ich vermutlich anders denken.
Aber bedeutet das automatisch, dass ich recht habe?
Auf keinen Fall und ich glaube, genau diese Erkenntnis gehört zu einem vernünftigen Umgang mit dem eigenen Denken dazu.
Vielleicht besteht gesunder Menschenverstand gar nicht darin, möglichst schnell zu wissen, was richtig oder falsch ist. Vielleicht zeigt er sich vielmehr darin, Zusammenhänge zu erkennen, Widersprüche auszuhalten und die eigenen Schlussfolgerungen gelegentlich infrage zu stellen. Denn auch Logik allein schützt uns nicht vor falschen Ergebnissen. Wenn die Informationen, auf denen unsere Überlegungen beruhen, falsch oder unvollständig sind, können wir noch so logisch denken und trotzdem zu einem völlig falschen Schluss kommen.
Aus einer falschen Voraussetzung lässt sich schließlich eine wunderbar schlüssige Erklärung basteln.
Das macht sie nur leider nicht wahr.
Ich wünsche mir weiterhin, dass Menschen ihren gesunden Menschenverstand häufiger benutzen. Allerdings bin ich inzwischen vorsichtiger damit geworden, was ich darunter eigentlich verstehe. Vielleicht wünsche ich mir weniger einen vermeintlich allgemeingültigen Menschenverstand als vielmehr die Bereitschaft, selbstständig zu denken, Informationen zu hinterfragen und andere Perspektiven zumindest ernsthaft zu prüfen.
Und vielleicht auch ein bisschen mehr Einsicht in das eigene Nichtwissen. Denn wenn jeder Mensch davon überzeugt ist, dass ausgerechnet sein Menschenverstand der gesunde ist, haben wir am Ende Millionen Menschen, die sich gegenseitig erklären, warum alle anderen falschliegen.
Was wiederum ziemlich gut erklärt, warum wir überhaupt einen Tag des gesunden Menschenverstandes brauchen.
Aber vielleicht sollten wir an diesem Tag nicht zuerst fragen, warum andere ihren Verstand nicht benutzen. Sondern ob das, was wir selbst für gesunden Menschenverstand halten, tatsächlich so vernünftig ist, wie wir glauben.
Bildhinweis: Die Bilder wurden KI generiert.