Wir leben in einer Zeit, in der uns Informationen praktisch erschlagen. Nachrichten, soziale Netzwerke, Videos, Messenger-Gruppen und irgendwelche Menschen, die uns ungefragt erklären, wie die Welt funktioniert. Jeder kann heute Informationen verbreiten, ganz unabhängig davon, ob sie stimmen oder nicht. Und das Erschreckende daran? Eine Behauptung muss nicht einmal besonders glaubwürdig sein, um sich rasend schnell zu verbreiten.

Manchmal reicht eine reißerische Überschrift, ein dramatisches Bild oder ein Satz wie „Was die Medien dir verschweigen!“, und schon wird fleißig geteilt. Ohne nachzudenken, ohne nachzufragen und vor allem ohne zu überprüfen, ob an der Geschichte überhaupt etwas dran ist.

Der Tag der Skeptiker ist für mich deshalb ein guter Anlass, über etwas nachzudenken, das in unserer Informationsgesellschaft eigentlich selbstverständlich sein sollte: Nicht alles zu glauben, nur weil es irgendwo geschrieben steht.

Aber was bedeutet es eigentlich, skeptisch zu sein?

Für mich bedeutet Skepsis nicht, grundsätzlich alles anzuzweifeln oder hinter jeder Nachricht eine Verschwörung zu vermuten. Es bedeutet vielmehr, Informationen zu hinterfragen, Fragen zu stellen und sich mit den Hintergründen auseinanderzusetzen. Denn zwischen gesundem Zweifel und blindem Misstrauen liegt ein gewaltiger Unterschied.

Wenn aus einer Behauptung plötzlich eine Wahrheit wird

Fake News sind keine Erfindung des Internets. Falschmeldungen, Gerüchte und gezielte Desinformation gab es schon lange vor Facebook, TikTok und Co. Allerdings können sie sich heute in einer Geschwindigkeit verbreiten, die früher kaum vorstellbar gewesen wäre. Besonders problematisch finde ich dabei, dass eine Information nicht automatisch glaubwürdiger wird, nur weil sie von vielen Menschen geteilt wird.

Wenn tausend Menschen denselben Unsinn verbreiten, bleibt es trotzdem Unsinn.

Und dennoch entsteht durch ständige Wiederholung häufig der Eindruck, dass an einer Behauptung etwas dran sein müsse. Schließlich liest man es überall. Irgendwer wird das doch überprüft haben!
Nur wer?

Derjenige, der den Beitrag ursprünglich veröffentlicht hat? Derjenige, der ihn weitergeleitet hat? Oder vielleicht derjenige, der darunter kommentiert, dass er es ja schon immer gewusst habe? Manchmal scheint die gesamte Beweiskette daraus zu bestehen, dass sich alle gegenseitig glauben.

Besonders interessant wird es, wenn vermeintliche Beweise ins Spiel kommen. Ein Screenshot ohne erkennbare Quelle. Ein Video, bei dem niemand weiß, was davor oder danach passiert ist. Ein Foto, das angeblich ein aktuelles Ereignis zeigt, tatsächlich aber aus einem völlig anderen Zusammenhang stammt. Und inzwischen kommen auch noch KI-generierte Bilder, Stimmen und Videos hinzu, die es zunehmend schwieriger machen können, echte Aufnahmen von künstlich erzeugten Inhalten zu unterscheiden.

Ein Bild ist eben nicht automatisch ein Beweis. Und ein Video inzwischen auch nicht mehr.

Hinterfragen ist keine Kritik

Was mich immer wieder wundert, ist die Reaktion mancher Menschen, wenn man eine Aussage hinterfragt. Offenbar wird eine Nachfrage häufig als Kritik oder sogar als persönlicher Angriff verstanden. Dabei kann genau das Gegenteil der Fall sein.

Wenn ich jemanden frage, woher er eine Information hat, warum er zu einer bestimmten Schlussfolgerung gekommen ist oder worauf seine Überzeugung beruht, bedeutet das doch nicht automatisch, dass ich ihm widersprechen möchte. Vielleicht interessiert mich das Thema einfach. Vielleicht möchte ich seine Gedanken nachvollziehen oder etwas erfahren, das ich bisher nicht wusste.

Ist es nicht eigentlich ein Zeichen von echtem Interesse, wenn man sich näher mit einer Aussage beschäftigt, statt sie einfach nur zur Kenntnis zu nehmen?

Natürlich kann eine Nachfrage auch dazu dienen, eine Behauptung kritisch zu prüfen. Aber selbst dann richtet sich diese Prüfung zunächst gegen die Aussage und nicht gegen den Menschen, der sie getroffen hat. Schließlich können auch ehrliche und gut informierte Menschen irren oder unbeabsichtigt falsche Informationen weitergeben.

Ich finde es deshalb schade, wenn aus einer einfachen Frage sofort eine Verteidigungshaltung entsteht. Denn wie soll ein vernünftiger Austausch funktionieren, wenn bereits das Bedürfnis, etwas genauer verstehen zu wollen, als Angriff gewertet wird?

Die Sache mit den Quellen

Natürlich kann niemand jede einzelne Information bis ins kleinste Detail überprüfen. Dafür fehlt uns schlicht die Zeit. Wir müssen uns im Alltag auf Quellen verlassen können. Aber gerade deshalb finde ich es wichtig, zwischen unterschiedlichen Quellen zu unterscheiden.

Wer behauptet etwas? Woher stammen die Informationen? Gibt es unabhängige Bestätigungen? Handelt es sich um eine Nachricht, eine persönliche Meinung oder vielleicht sogar um Werbung? Und ganz wichtig: Ist die Information überhaupt noch aktuell?

Eine zehn Jahre alte Meldung kann vollkommen richtig gewesen sein und heute trotzdem ein völlig falsches Bild vermitteln.

Auch wissenschaftliche Studien werden gern als Beweise angeführt. Zumindest solange ihre Ergebnisse zur eigenen Meinung passen. Dabei lohnt es sich durchaus, genauer hinzusehen. Was wurde tatsächlich untersucht? Wie aussagekräftig sind die Ergebnisse? Und entspricht die reißerische Überschrift überhaupt dem, was die Studie aussagt?

„Wissenschaftler haben herausgefunden!“ klingt schließlich beeindruckend. Was genau sie herausgefunden haben, wäre allerdings auch nicht ganz uninteressant.

Wir glauben besonders gern, was wir ohnehin glauben

Vielleicht liegt die größte Schwierigkeit beim kritischen Denken aber gar nicht darin, falsche Informationen zu erkennen. Sondern darin, dass wir manche Informationen überhaupt nicht überprüfen wollen.

Wenn eine Nachricht unsere bereits vorhandene Meinung bestätigt, erscheint sie uns häufig sofort plausibel. Sie passt schließlich wunderbar zu dem, was wir ohnehin denken. Widerspricht sie dagegen unseren Überzeugungen, werden wir plötzlich kritisch. Dann hinterfragen wir die Quelle, suchen nach Fehlern und überlegen, ob die ganze Geschichte vielleicht doch nicht stimmen kann.

Dieses Phänomen wird als Bestätigungsfehler bezeichnet. Und davor ist niemand automatisch geschützt. Auch ich nicht.

Ich kann noch so überzeugt davon sein, Informationen kritisch zu betrachten. Wenn mir eine Behauptung begegnet, die genau meiner eigenen Sichtweise entspricht, besteht trotzdem die Gefahr, dass ich weniger gründlich hinschaue. Gerade deshalb finde ich es wichtig, nicht nur Informationen zu hinterfragen, die uns merkwürdig vorkommen, sondern gelegentlich auch diejenigen, denen wir spontan zustimmen würden.

Denn Skepsis, die ausschließlich bei fremden Meinungen zum Einsatz kommt, ist ziemlich einseitig.

Skeptisch sein bedeutet auch, seine Meinung ändern zu können

Für mich gehört zum kritischen Denken noch etwas anderes: die Bereitschaft, eine eigene Überzeugung aufzugeben, wenn sich herausstellt, dass sie falsch ist. Das klingt eigentlich selbstverständlich. Ist es aber offenbar nicht immer.

Manche Diskussionen wirken, als ginge es überhaupt nicht mehr darum, herauszufinden, was stimmt. Stattdessen wird mit allen Mitteln versucht, die eigene Position zu verteidigen. Selbst dann, wenn längst gute Argumente dagegensprechen. Dabei ist es doch keine Niederlage, etwas dazuzulernen. Und es macht einen Menschen nicht weniger intelligent, wenn er seine Meinung aufgrund neuer Informationen verändert.

Im Gegenteil.

Ich finde es wesentlich vernünftiger, einen Irrtum einzugestehen, als aus reinem Stolz an einer falschen Behauptung festzuhalten. Natürlich bedeutet das nicht, dass man bei jedem Widerspruch sofort seine Überzeugungen über Bord werfen sollte. Auch Gegenargumente dürfen und sollten geprüft werden. Aber wer grundsätzlich nichts akzeptiert, was der eigenen Meinung widerspricht, betreibt keine kritische Auseinandersetzung mehr. Er verteidigt lediglich sein Weltbild.

Zweifel dürfen sein. Blindes Glauben muss nicht.

Ich wünsche mir, dass Menschen häufiger nachfragen, bevor sie etwas glauben oder weiterverbreiten. Dass sie sich nicht allein von Überschriften, Emotionen oder der Anzahl der Likes überzeugen lassen. Und dass sie unterscheiden zwischen „Ich habe das gelesen“, „Ich glaube, dass es stimmt“ und „Ich habe überprüft, ob es stimmt“.

Das sind nämlich drei völlig unterschiedliche Dinge.

Der Tag der Skeptiker erinnert mich daran, dass kritisches Denken keine Frage davon ist, grundsätzlich misstrauisch zu sein. Es geht vielmehr darum, offen für Erkenntnisse zu bleiben, Behauptungen zu prüfen und auch die eigenen Überzeugungen nicht für unantastbar zu halten. Vielleicht müssten wir dafür gelegentlich etwas weniger schnell reagieren und etwas länger nachdenken.

Nicht jede Nachricht muss sofort kommentiert werden. Nicht jede Behauptung muss ungeprüft geteilt werden. Und nicht zu allem muss man innerhalb von drei Sekunden eine fertige Meinung haben.

Denn wer alles glaubt, was er liest, denkt nicht automatisch mit. Aber wer grundsätzlich nichts mehr glaubt, auch nicht.

Die eigentliche Kunst besteht wohl darin, den Unterschied zu erkennen.

Bildhinweis: Die Bilder wurden KI generiert.