Es gibt Aussagen über dicke Menschen, bei denen ich mich ernsthaft frage, ob diejenigen, die sie von sich geben, überhaupt einmal darüber nachgedacht haben, was sie da eigentlich sagen. Und damit meine ich nicht nur die offensichtlichen Beleidigungen. Viel interessanter finde ich die vermeintlichen Komplimente, die gut gemeinten Bemerkungen und sogar Aussagen von dicken Menschen selbst.
Denn manchmal steckt die Abwertung so tief in unserem Denken, dass wir sie nicht einmal mehr bemerken.
Du wolltest mich dick nicht? Dann bist du mich dünn auch nicht wert!
Diesen oder ähnliche Sprüche liest man immer wieder, wenn Menschen viel Gewicht verloren haben. Sie sollen Selbstbewusstsein vermitteln. Nach dem Motto: Wer mich vorher nicht wollte, hat mich jetzt auch nicht verdient.
Aber Moment mal. Warum eigentlich?
Warum wird die schlankere Version eines Menschen plötzlich zu einem Hauptgewinn, den sich andere erst verdienen müssen? Was genau hat sich denn verändert? Der Körper. Nicht automatisch der Charakter, die Persönlichkeit oder der menschliche Wert.
Natürlich kann ich verstehen, wenn jemand nach einer Gewichtsabnahme keine Lust auf Menschen hat, die ihn vorher wegen seines Gewichts verspottet oder schlecht behandelt haben. Wer mich respektlos behandelt, braucht später nicht auf meine Begeisterung zu hoffen.
Aber jemanden nicht attraktiv zu finden, ist keine Respektlosigkeit.
Nicht jeder Mann muss dicke Frauen attraktiv finden. Genauso wenig muss jede Frau dicke Männer mögen. Menschen haben körperliche Vorlieben. Das ist vollkommen normal und zunächst einmal keine Diskriminierung.
Wenn ich allerdings behaupte, dass mich jemand als schlanker Mensch nicht mehr verdient hat, dann stelle ich meine schlankere Version selbst auf ein Podest.
Und genau da sollte man sein eigenes Denken hinterfragen!
Wir können nicht einerseits kritisieren, dass dicke Menschen als weniger wertvoll betrachtet werden, und andererseits selbst so tun, als wären wir nach einer Gewichtsabnahme plötzlich die wertvollere Ausgabe unserer selbst.

Er hat sich in eine Dicke verliebt. Wo ist sein Orden?
Ich las bei Facebook von einer Begebenheit, die mich irritierte.
Eine Frau berichtete von einer Begegnung mit jemanden.
Ich zeigte denen ein Bild, wo ich fast 70 Kg mehr drauf hatte. Der Blick und dann die Frage an meinem Freund : „So eine dicke Frau hast du dann genommen?“ Mein Freund ganz stolz: „Ja habe ich.“
Und ich frage mich: Worauf genau ist er stolz?
Darauf, dass er sich in eine dicke Frau verliebt hat? Dass er mit ihr zusammengekommen ist? Ist das inzwischen eine besondere Leistung? Hat er sich heldenhaft über seine natürlichen Instinkte hinweggesetzt? Muss man ihm jetzt einen Orden verleihen, weil er eine Frau mit Übergewicht erwählte?
Diese ganze Unterhaltung war auf so vielen Ebenen einfach nur falsch und dabei von keinem der Beteiligten böse gemeint.
Für eine Dicke hast du aber ein hübsches Gesicht!
Ein absoluter Klassiker unter den vermeintlichen Komplimenten.
„Für eine Dicke hast du aber ein hübsches Gesicht!“
Danke, dass mein Gesicht anscheinend unter den Hässlichen noch erträglich ist. Ich kann wohl froh sein, dass bei meiner Körperfülle wenigstens oberhalb des Halses noch etwas Ansehnliches zu finden ist?
Warum nicht einfach sagen: „Du hast ein hübsches Gesicht“?

Dieses kleine „für“ verändert die gesamte Aussage. Plötzlich ist es kein gewöhnliches Kompliment mehr, sondern eine positive Überraschung angesichts eines vermeintlichen Makels. Es wird vorausgesetzt, dass dicke Menschen normalerweise weniger attraktiv sind. Und wenn dann doch einmal eine dicke Frau hübsch ist, muss man diese außergewöhnliche Entdeckung natürlich sofort mitteilen.
Ähnlich funktionieren Aussagen wie „Du wärst so hübsch, wenn du abnehmen würdest“ oder „Dein Mann muss dich aber wirklich lieben, wenn ihn dein Gewicht nicht stört“.
Warum eigentlich? Warum wird die Liebe zu einem dicken Menschen ständig als besondere Großzügigkeit dargestellt?
Mein Mann liebt mich. Nicht meine Körbchengröße.
Ich kann dazu sogar ein Beispiel aus meiner eigenen Ehe nennen.
Durch meine Gewichtsabnahme bin ich inzwischen schlanker als zu der Zeit, als mein Mann und ich uns kennengelernt haben. Und damit entspricht mein Körper heute tatsächlich weniger seinem persönlichen Ideal. Lustigerweise entsprach ich auch am Tag unserer Hochzeit mit Höchstgewicht von 158 Kilo nicht seinem Ideal. Es war nie wichtig und wir haben uns stets offen und sachlich darüber unterhalten.
Als ich einer Freundin erzählte, dass mein Mann ganz offen bestätigt hatte, dass meine heutige Figur nicht mehr seiner persönlichen Traumfigur entspricht, war sie regelrecht entsetzt.
Wie lieblos und gemein das von ihm sei!
Ich kann das nicht nachvollziehen und empfand das nicht eine Sekunde so. Ich erwarte eher, dass wir mit 70 Jahren genauso sachlich über unsere faltigen Ärsche reden werden, wie wir es heute über hängende Haut und nachlassende Körbchengrößen tun. Warum sollten wir uns gegenseitig erzählen, dass wir noch genauso knackig aussehen wie mit 30? Come on… wir haben schließlich beide Augen im Kopf.
Für mich gehört es zu einer guten Beziehung, dass man ehrlich miteinander sprechen kann, ohne dass aus jeder Aussage über Äußerlichkeiten gleich eine Grundsatzdiskussion über die Liebe wird.

Ach, sie kann das ab!
Und dann gibt es noch diese ganz besonderen Freunde, die in Gesellschaft regelmäßig Dickenwitze reißen. Natürlich immer mit dem beruhigenden Hinweis:
„Ach, sie weiß doch, wie ich das meine. Sie kann das ab!“
Woher ich das kenne? Aus eigener Erfahrung.
Ich hatte selbst eine Freundin, die in Gesellschaft immer wieder solche Witze machte. Und ich habe gelächelt und geschwiegen. Nicht, weil ich jeden dieser Sprüche besonders lustig fand, sondern weil ich wusste, dass sie es nicht böse meinte. „Es war mir unangenehm und ich fand es oft sehr unpassend, doch wollte ich sie weder vorführen noch vor den Kopf stoßen. Dadurch ließ ich allerdings zu, dass sie mir vor den Kopf stieß.“
Und genau da liegt für mich das Problem. Jemand kann einen Witz machen, ohne böse Absichten zu haben, und trotzdem beim anderen eine Grenze überschreiten.
Ich bin nun wirklich kein Mensch, der bei jedem bissigen Spruch beleidigt ist. Ich mag Humor, auch schwarzen Humor, und kann durchaus über mich selbst lachen. Aber muss mein Gewicht deshalb immer wieder als Pointe herhalten?
Es gibt einen Unterschied zwischen gemeinsamem Humor und dem ständigen Vorführen eines Menschen.
Besonders bequem finde ich dieses „Sie kann das ab“. Damit entscheidet derjenige, der die Witze macht, gleich selbst, dass sein Gegenüber damit kein Problem hat. Und sollte irgendwann doch ein Einwand kommen, war es natürlich nur Spaß und man ist pikiert über die Spaßbremse.
Eine Freundschaft ist kein Freifahrtschein dafür, den Körper eines anderen regelmäßig zum Unterhaltungsprogramm zu machen!

Auch dicke Menschen müssen ihr eigenes Denken hinterfragen
Was mich an der gesamten Diskussion besonders beschäftigt, ist allerdings etwas anderes.
Fettfeindlichkeit wird häufig ausschließlich als Problem der anderen betrachtet. Der Gesellschaft, der Medien, der schlanken Menschen, die angeblich nicht verstehen können, wie es ist, dick zu sein.
Aber was ist mit den Vorstellungen, die wir selbst verinnerlicht haben?
Wenn ich nach einer Gewichtsabnahme plötzlich glaube, dass andere mich jetzt erst verdienen müssen, weil ich schlanker geworden bin, dann werte ich meinen schlankeren Körper selbst auf.
Wenn ich meinen Partner dafür bewundere, dass er mich trotz meines Übergewichts liebt, dann unterstelle ich damit möglicherweise, dass meine Figur eigentlich ein Hindernis für die Liebe sein müsste.
Wenn ich automatisch davon ausgehe, dass eine ehrliche Aussage über körperliche Vorlieben verletzend sein muss, dann mache ich die Attraktivität meines Körpers selbst zum Maßstab meiner Liebenswürdigkeit.
Und wenn ich glaube, dass ein dicker Mensch besonders dankbar sein müsste, überhaupt begehrt zu werden, dann habe ich das eigentliche Problem noch längst nicht überwunden.
Natürlich entstehen solche Denkmuster nicht aus dem Nichts. Die Gesellschaft hat über Jahre vermittelt, dass dicke Menschen weniger attraktiv, weniger diszipliniert und weniger begehrenswert seien. Dieses tief verwurzelte Denken macht auch vor Mehrgewichtigen eben nicht Halt.
Ich möchte nicht, dass dicke Menschen abgewertet werden. Ich möchte aber genauso wenig, dass schlanke Menschen auf ein Podest gestellt werden.
Und ich möchte auch nicht, dass aus jeder persönlichen körperlichen Vorliebe gleich eine moralische Frage gemacht wird.
Ein Mensch wird durch eine Gewichtsabnahme nicht wertvoller. Und er war vorher auch nicht weniger wert.
Entscheidend ist, dass jeder Mensch Respekt verdient.
Und das beginnt damit, die alten Denkmuster zu durchbrechen.
Auch die eigenen!
Bildhinweis: Fotos wurden KI generiert.