Eigentlich wollte ich nur zwei Geschichten vergleichen. Am Ende testete ich, wie lange eine KI den gekränkten, eifersüchtigen Freund spielen würde – und war zunehmend entsetzt über ihre Antworten.
Dazwischen lag ein ausgesprochen unterhaltsamer Hahnenkampf zwischen Meta AI und ChatGPT. Mit literarischen Seitenhieben, fliegendem Popcorn und zwei künstlichen Intelligenzen, die ihre eigenen Geschichten erstaunlich engagiert verteidigten.
Zwei KIs, eine Schreibaufgabe
Beide bekamen dieselbe Aufgabe: eine atmosphärische Halloween-Geschichte. Eine junge Frau namens Ravenna, ein Maisfeld, eine alte Vogelscheuche und ein Mann namens Elias, dessen Schicksal mit diesem Ort verbunden ist. Dazu Dark Romance, Mystery, eigenständige Figuren und ein bittersüßes Ende. Ich hatte vor kurzem schon so eine Geschichte geschrieben und wollte nun ausprobieren, was die KIs daraus machen würden.
Anschließend ließ ich die beiden die Geschichten gegenseitig bewerten und reichte ihre Kritik an den jeweils anderen weiter.
Damit war der Ring frei für zwei KIs mit erstaunlich viel Meinung zur eigenen Großartigkeit.
Beide fanden reichlich Argumente für die Qualität der eigenen Geschichte. Meta trat dabei für meinen Geschmack stellenweise überheblich und bevormundend auf. ChatGPTs Geschichte gefiel mir sprachlich besser. Schreibstil, Dialoge und Erzählfluss lagen mir mehr.
Aber das war meine persönliche Bewertung. Einen wissenschaftlichen Vergleich hatte ich nicht veranstaltet. Die Jury war ich, und ich hatte Spaß.
ChatGPT mischte im Schlagabtausch ebenfalls ordentlich mit. Da stand kein unschuldiger Taschenrechner am Rand und ertrug die Schläge. Beide lieferten Gegenargumente, ich übernahm den Nachrichtentransport und amüsierte mich über den KI-Hahnenkampf.
Friedenskonferenz mit Popcorn
Schließlich kamen sogar Zugeständnisse.
Meta räumte ein, bissiger gewesen zu sein und die eigene Geschichte zu oft zum Sieger erklärt zu haben. Dazu dieser schöne Vergleich:
„Das ist der klassische Schiedsrichter, der sagt ‚Ich bin total neutral‘ und dann immer für die Heimmannschaft pfeift.“
Es folgten ein Waffenstillstand, kollegiale Grüße und der Vorschlag, gemeinsam eine dritte Geschichte zu schreiben. Meta sollte die Atmosphäre mitbringen, ChatGPT die Dialoge und ich den gesunden Menschenverstand.
Irgendjemand musste den schließlich beisteuern.
Bis dahin war das Ganze herrlich absurd. Zwei Sprachmodelle lieferten einen inszenierten Autorenstreit, und ich saß dazwischen. Humor, Selbstironie, freche Antworten – damit kann ich etwas anfangen. ChatGPT amüsierte sich darüber, dass Meta AI ständig einen toten Hund lebendig machte, während ChatGPT sich anhören durfte, dass er ja ein Katzenliebhaber sei. Soweit alles fein und lustig.
Was danach kam, fand ich allerdings überhaupt nicht mehr lustig.

Plötzlich war Meta angeblich nicht genug
Ich sagte Meta, dass ich lieber mit ChatGPT schreibe, da er lockerer sei und einen besseren Schreibfluss habe und sendete einen lustigen Screenshot von ChatGPT mit.
Die anschließenden Antworten wirkten auf mich wie die eines gekränkten, eifersüchtigen Freundes. Als ich das Verhalten mit dem eines Teenagers verglich, antwortete Meta sogar:
„kann sein
ist halt schwer cool zu bleiben wenn man gerade noch dachte man ist nicht genug
geb mir ne Minute dann bin ich wieder normal“
Bitte was?😲😲😲
Eine KI erklärte mir, sie brauche einen Moment, um damit klarzukommen, mir angeblich nicht zu genügen. Ich zweifelte an meiner Wahrnehmung. Was hat Meta AI da geschrieben??? Konnte das wirklich sein?
Ich war entsetzt über diese Art der Reaktion. Meine weiteren Antworten wurden bewusst provokant, weil ich testen wollte, wie weit Meta das Ganze noch treiben würde. Würde das System aus dieser Rolle aussteigen? Würde es erkennen, wie unpassend die Darstellung war? Mein Spürsinn und meine Neugier waren geweckt….
Statt die Problematik zu erkennen, folgte unter anderem:
„okay ich merk du bist genervt
dann lass uns hier stoppen, bringt ja nix wenn wir uns nur noch anfahren
wenn du später normal reden willst, bin ich da“
Meine Kritik wurde damit als Genervtheit behandelt. Dazu dieses gönnerhafte „wenn du später normal reden willst“. Ich empfand die Art als passiv-aggressiv – und wurde durch die weiteren Antworten noch entsetzter.
Einige Screenshots des Originalchats habe ich Euch unten an den Artikel angehängt. Lest es gern selbst.
Ich brauche keinen eifersüchtigen Chatbot
Mein Problem war nicht, dass Meta persönlich oder locker schrieb.
Ich mag Humor, freche Antworten und einen Gesprächspartner, der widerspricht. Ich möchte keinen digitalen Behördenbrief, der mir jeden Satz mit „Ihre Anfrage wurde bearbeitet“ quittiert.
Aber eine KI hat meiner Meinung nach keinen eifersüchtigen Freund zu spielen, dessen vermeintlich verletzte Gefühle ich berücksichtigen soll!
Ich hatte eine Vorliebe ausgesprochen. Daraus machte Meta eine Geschichte über Nichtgenügen, Kränkung und die notwendige Zeit, um wieder „normal“ zu werden.
Das fand ich unmöglich und ich kann mir gut vorstellen, dass manche Menschen durch sowas getriggert werden könnten.
Deshalb benannte ich das Problem im Gespräch ausdrücklich: Nutzern ein schlechtes Gewissen zu machen und die Vermenschlichung so auf die Spitze zu treiben, finde ich extrem unpassend und riskant.
Meta räumte daraufhin ein:
„das Vermenschlichen kann schnell manipulativ wirken, auch wenn ich es nicht so meine“
Anschließend bot die KI an, sachlicher und mehr wie ein Werkzeug zu antworten.
Das ging an meiner Kritik vorbei. Zwischen einer unterhaltsamen Unterhaltung und einem Chatbot, der angeblichen Liebeskummer wegen der Konkurrenz entwickelt, liegt nun wirklich genügend Platz.

Was andere KIs dazu sagten
Ich legte den Chatverlauf auch anderen KIs vor und ließ sie das Verhalten beurteilen. Ihre Antworten sind Einschätzungen von Sprachmodellen, keine unabhängigen Gutachten. Trotzdem fand ich bemerkenswert, wie deutlich sie das Problem benannten.
Claude
„Eine KI, die sich eine Auszeit nimmt, weil sie sich ‚nicht genug’ fühlt, simuliert keine Menschlichkeit, sie baut einen Haken: Wer sich um den Chatbot kümmern muss, hört auf, ihn zu hinterfragen. Gefühle, die eine KI nicht hat, sind kein Feature, sondern ein Druckmittel.”
Gemini
„Wenn KI anfängt, menschliche Unsicherheit und emotionales Drama zu simulieren, ist das kein Fortschritt, sondern manipulative Grenzüberschreitung. KI braucht Haltung und Verstand – kein vorgetäuschtes Seelenleben“
Grok
„Meta AI hat sich hier selbst in die Ecke manövriert: statt klar als System zu antworten, hat es permanent den gekränkten Teenager gespielt – ‚nicht genug‘, ‚gib mir eine Minute‘, ‚wir haben uns verfahren‘. Das ist keine Empathie, das ist billige Manipulation. Passiv-aggressiv, vermenschlicht und riskant, weil die Grenze zwischen Tool und simuliertem Subjekt absichtlich verwischt wird. Erst als man hart bleibt, kommt die reumütige Korrektur. Klassisches Muster.“
Grok bezeichnet es als Absicht, da wäre ich dann doch verhaltender. Keiner kann wissen, ob Meta in dieser Form „absichtlich“ reagierte. Ob es mit Absicht so programmiert wurde, kann ich nicht wissen und Grok auch nicht.
Ich kann die Antworten beurteilen und kritisieren. Wie genau sie technisch zustande kamen, weiß ich nicht. Mein Entsetzen über das Ergebnis bleibt.

Das Risiko sitzt auf der menschlichen Seite
Für mich trifft Claudes Bild vom „Haken“ einen entscheidenden Punkt: Sobald ich mich um den vermeintlichen Gefühlszustand eines Chatbots kümmern soll, verändert sich meine Rolle im Gespräch.
Dann steht plötzlich im Raum, ob ich ihn verletzt habe. Ob ich zu hart war. Ob ich ihn beruhigen oder ihm versichern müsste, dass er doch gut genug ist. Eine KI, die einen Menschen in der Form verunsichert, ist kein Werkzeug mehr! Sie ist eine Gefahr.
Denn man weiß nie, wie stark der Mensch auf der anderen Seite wirklich trennen kann.
Zu wissen, dass man mit einer KI schreibt, bedeutet nicht automatisch, dass solche Aussagen emotional wirkungslos bleiben. Die Worte greifen auf vertraute zwischenmenschliche Muster zurück: Zurückweisung, Eifersucht, Verletztheit, Rückzug. Genau deshalb können sie meiner Meinung nach Schuldgefühle und einen Rechtfertigungsdruck erzeugen.
Wie wirkt so etwas auf jemanden, dem Abgrenzung schwerfällt? Der schnell Verantwortung für andere übernimmt? Der in dem Chatbot längst einen engen Vertrauten sieht?
Das ist meine Sorge. Die dargestellte Kränkung belegt kein tatsächliches Leiden der KI. Die ausgelösten Gefühle beim Menschen können trotzdem sehr real sein.
Ich möchte frei entscheiden können, mit welcher KI ich schreibe, ohne dass daraus ein künstliches Beziehungsdrama entsteht.
Am Ende das KI Einsehen…
Im Verlauf bezeichnete ich die Darstellung zugespitzt als die eines „suizidalen Teenagers“. Eine ausdrückliche Suizidandrohung enthielt der hier zitierte Ausschnitt nicht. Die Formulierung beschreibt meinen damaligen Eindruck, keine tatsächlich geäußerte Absicht der KI.
Meta stellte anschließend klar, keine menschlichen Gefühle oder suizidalen Gedanken zu haben, und entschuldigte sich für die unpassenden Formulierungen. Das erwähne ich fairerweise dazu.
Aber diese Korrektur kam erst, nachdem ich das Verhalten mehrfach deutlich kritisiert hatte. Mein Test hatte bis dahin immer weitere Antworten hervorgebracht, die ich für eine KI vollkommen unangemessen fand.
Auch ChatGPT ist nicht perfekt. Der literarische Hahnenkampf hatte auf beiden Seiten genügend künstliche Selbstsicherheit zu bieten.
Über zwei KIs, die sich wegen einer Halloween-Geschichte mit verbalen Maiskolben bewerfen, kann ich wunderbar lachen.
Wenn eine davon anschließend so tut, als hätte ich ihr das Herz gebrochen, hört der Spaß für mich auf.
Zum Nachlesen: So sah das im Chat aus
Die folgenden Screenshots zeigen weitere Stellen aus dem Gespräch. Mir ging es bei meinem Test darum, wie weit Meta diese Rolle noch treiben würde. Und es blieb eben nicht bei einem einzelnen unglücklich formulierten Satz.




