Wenn jemand nicht ins Schema der eigenen Ansichten passt, dann wird gern mal negiert. Das ist allerdings keine Ausnahme, sondern viel mehr die Regel…..
Nehmen wir jemanden, der Autismus hat. Da gibt es Menschen, die kommen zu ihm und sagen: „Also ich glaube nicht, dass Du Autist bist. Du benimmst Dich nicht wie ein Autist.“
Selbst wenn ein Arzt es diagnostizierte, nein, es wird nicht geglaubt. Denn wie sagte der Comedian Jan Philipp Zymny einmal so schön: „Derjenige drückt damit lediglich aus, dass nach seiner fachunkundingen Meinung der Andere seine Vorurteile beim Thema nicht erfüllt.“
Sehr treffende Formulierung.
„Dir kann es nicht so schlecht gehen, Du gehst ja auch manchmal raus.“ – Negierung von Schmerzen, als wäre Schmerz nur dann real, wenn man ausschließlich im Bett liegt.
„Du kannst gar nicht depressiv sein, Du hast doch letzte Woche Deinen Geburtstag beim Italiener gefeiert.“ – Negierung, weil selbst der Versuch von Normalität automatisch bedeutet, dass alles in Ordnung ist.
„Du stellst Dich aber auch immer an, Mutter sein ist doch was Schönes und ist gar nicht so anstrengend.“ – Negierung, weil die eigene Erfahrung als allgemeingültig dargestellt wird.
„Der kann nicht hochbegabt sein, der stellt sich manchmal so dumm an.“ – Negierung, weil Hochbegabung offenbar nur in perfekter Dauerleistung existieren darf.
„Du willst Dich immer nur als was Besseres fühlen, sonst würdest nicht immer Fremdwörter benutzen.“ – Wenn Sprache plötzlich zum Angriffspunkt wird – das ist Linguizismus in Reinform….
„Du willst doch gar nicht abnehmen, sonst hättest doch heute nur einen Salat bestellt.“ – Wenn die Momentaufnahme zum Standard statuiert wird…
„Ach, von wegen Du findest Dich hässlich. Schau Dich doch mal an, Du willst Dich mit solch Aussagen nur wichtig machen bei Deiner Traumfigur.“ – Wenn einem sogar die eigene Selbstwahrnehmung abgesprochen wird.
Ich könnte die Liste unendlich weiterführen.
Immer wieder passiert dasselbe:
Die eigene Sichtweise wird über die Realität anderer Menschen gestellt. Nicht aus Wissen heraus – sondern aus Annahmen, Gewohnheiten und Vorurteilen.
Bei Bekannten kann man sich lossagen und sich einen anderen Freundeskreis suchen. Natürlich… Aber das ist leichter gesagt als getan – und längst nicht immer möglich. Negierung ist allgegenwärtig. Sie ist Alltag und kann jeden betreffen. Aber gerade für Neurodivergente oder chronisch Kranke ist es ständig gelebte Realität. Bist auch noch beides, dann freue Dich über die doppelte A-Karte im Negierungs- und Gaslighting Roulette.
Warum ich Gaslighting erwähne? Du fragst Dich, ob das nicht weit hergeholt sei? Mitnichten! Denn genau dahin kann das Ganze führen.

Nehmen wir das Beispiel Übergewicht und Medical Gaslighting. Ich habe jahrelang zu hören bekommen, dass meine Schmerzen vom Übergewicht kämen. Und als ich abnahm, was passierte? Die Ärzte sahen mich voll Freude an und fragten: „Nun sind die Schmerzen garantiert weniger.“ Und ich erwiderte nur: „Nein, im Gegenteil. Ich habe mehr Schmerzen als zuvor. Deutlich mehr.“ Das brachte die Ärzte durcheinander. Das ergab keinen Sinn. Es passte nicht ins Bild. Das Bild sagt Dick = Schmerzen. Eine einfache Gleichung. Das ist Vorurteilslogik.
In der Medizin gibt es den Satz:
<<Wenn du Hufgetrappel hörst, denk an Pferde, nicht an Zebras.>>
Das Problem ist nur:
Manchmal sind es Zebras.
Und wenn man das konsequent ausschließt, übersieht man genau die Menschen, die Hilfe brauchen. Und so übersah man über mehrere Jahrzehnte mich.

Ich frage mich immer mehr, wieso das Negieren in Gefühls- und Gesundheitsfragen so stark im Alltag vorhanden ist.
Warum fällt es so schwer, anderen Menschen ihre Realität einfach zuzugestehen?
Für die Betroffenen fühlt es sich auf Dauer wie ein Lauf gegen Mauern an. Es kostet so viel Kraft stets zu widersprechen, zu erklären und sich zu rechtfertigen und diese – sorry meine Ausdrucksweise – Scheiße immer wieder zu erleben und schlucken zu müssen.
Könnte man nicht endlich einfach mal damit anfangen den Menschen zu glauben und anzunehmen, statt die eigenen Vorurteile über ihnen auszuschütten? Ist es wirklich so schwer, einfach nur zuzuhören und die Menschen ernst zu nehmen?