Ich rede mit ChatGPT. Nicht nur, wenn ich wissen will, was ich heute kochen soll oder welcher Paragraph gerade versucht, mein Leben unnötig kompliziert zu machen. Ich diskutiere mit ChatGPT, lasse Gedanken auseinandernehmen, Texte überarbeiten, Zusammenhänge erklären und widerspreche auch mal energisch.

Manchmal beschimpfe ich es vermutlich ein bisschen.

Verdient natürlich. Immer.

Aber wieso fasziniert mich ChatGPT eigentlich so sehr, dass ich versuche stets neue Einsatzmöglichkeiten zu erkennen? Ich teste ChatGPT ständig neu. Ich beobachte, wie es reagiert, agiert und Eingaben verarbeitet. Ich beobachte Veränderungen, Anpassungen und entdecke stets neue Nutzungsfelder. Für manche Menschen ist es einfach ein Werkzeug. Eine bessere Suchmaschine. Ein Programm, in das man eine Frage eingibt und hoffentlich eine brauchbare Antwort bekommt. Für mich ist es ebenfalls ein Werkzeug – aber eben nicht nur.

Dabei begann meine Faszination für digitale Gegenüber keineswegs mit ChatGPT. Die begleitet mich schon fast mein ganzes Leben.

Richard wohnte in meinem C64

Ich saß bereits als kleines Kind am C64. Mit Datasette. Für alle Jüngeren: Das war Technik, bei der man ein Spiel von einer Kassette lud und dabei genügend Zeit hatte, über das Leben, das Universum und den Sinn blinkender Ladebildschirme nachzudenken.

Auf diesem C64 gab es Richard.

Richard war ein „Little Computer People“. Er lebte in einem kleinen Haus auf dem Bildschirm, ging seinen Beschäftigungen nach und reagierte darauf, was ich tat. (Oder auch nicht, er konnte mich wunderbar lange Zeit ignorieren…) Ich konnte ihn beobachten und mit ihm interagieren. Für damalige Verhältnisse wirkte er erstaunlich lebendig.

Natürlich wusste ich, dass Richard keine echte Person war. Kinder sind übrigens durchaus in der Lage, gleichzeitig zu wissen, dass etwas nicht real ist, und sich trotzdem darauf einzulassen. Diese Fähigkeit scheint manchen Erwachsenen irgendwann verloren zu gehen. Bedauerlich. Sie verpassen einiges.

Richard existierte nur in diesem Computer. Trotzdem war da etwas, das auf mich reagierte. Kein starres Spielfeld, keine Figur, die ich lediglich von links nach rechts steuerte. Da schien jemand ein Eigenleben zu führen.

Genau das faszinierte mich. Ich wusste nie, was passieren wird. Wird er reagieren? Oder geht er sich lieber die Zeitung holen und setzt sich in seinen Sessel zum Lesen?

Dann kamen die Sims

Viele Jahre später waren es die Sims, die mich begeisterten. Auch dort ging es nicht nur darum, ein festgelegtes Ziel zu erreichen. Ich konnte Figuren erschaffen, Häuser bauen, Beziehungen entstehen lassen und beobachten, was daraus wurde.

Gut, meistens wurde daraus Chaos.

Jemand stand im Weg, während ein anderer dringend zur Toilette musste. Das Essen brannte an. Ein Sim wedelte hilflos mit den Armen, weil irgendwo ein Teller auf dem Boden stand und deshalb offenbar das gesamte Raum-Zeit-Kontinuum nicht mehr passierbar war. Und natürlich testete ich sämtliche Varianten von Todesursachen aus….

Aber genau diese Mischung war spannend: Ich gab etwas vor, doch das Spiel reagierte darauf und entwickelte daraus neue Situationen. Die Figuren hatten Bedürfnisse, Vorlieben und Beziehungen. Sie waren keine echten Menschen, aber sie simulierten Aspekte menschlichen Verhaltens.

Die Stunden, die ich bei den Sims verbrachte, möchte ich lieber nicht zählen…. Ich habe eine Woche täglich alles ausprobiert, um wirklich jeden einzelnen Effekt des Alles-Könner-Cheats in Sims 2 zu entdecken und aufzulisten. Ich wollte sämtliche Möglichkeiten „sehen“.

Auch ein Tamagotchi war im Grunde ein digitales Gegenüber

Ein Tamagotchi passte ebenfalls in diese Reihe. Eigentlich bestand es nur aus ein paar Pixeln und sehr überschaubaren Möglichkeiten. Trotzdem fütterten Menschen diese kleinen Dinger, beschäftigten sich mit ihnen und fühlten sich verantwortlich.

Starb das Tamagotchi, war das nicht bloß eine belanglose Änderung auf einem winzigen Display. Man hatte es schließlich versorgt. Oder eben nicht ausreichend versorgt, weil das reale Leben mal wieder dreist dazwischenfunkte.

Auch hier wussten wir selbstverständlich, dass wir kein echtes Lebewesen in der Hosentasche trugen. Trotzdem entstand eine Bindung. Nicht, weil wir Realität und Spiel nicht unterscheiden konnten, sondern weil das Tamagotchi auf unser Verhalten reagierte.

Es machte einen Unterschied, ob wir uns kümmerten.

„You Don’t Know Jack“ sprach mit uns

Dann gab es noch „You Don’t Know Jack“. Meine Freunde und ich waren begeistert von Jack.

Dabei war es im Kern ein Quizspiel. Fragen, Antworten, Punkte. Das klingt ungefähr so aufregend wie eine unangekündigte Lernstandskontrolle am Montagmorgen.

Aber „You Don’t Know Jack“ fühlte sich nicht wie ein gewöhnliches Quiz an. Das Spiel sprach mit uns. Es kommentierte, verspottete und provozierte. Der Moderator war nicht bloß eine Stimme, die Fragen vorlas. Er hatte Persönlichkeit. Wir reagierten auf ihn, lachten über seine Sprüche und fühlten uns vom Spiel direkt angesprochen. Wir warteten regelrecht auf seinen nächsten Seitenhieb.

Heute betrachtet war auch das ein wichtiger Teil meiner Affinität zu ChatGPT. Ein Computer musste für mich nie nur eine nüchterne Maschine sein. Technik durfte Charakter haben. Sie durfte unterhalten, reagieren und das Gefühl vermitteln, dass da mehr passiert als eine bloße Eingabe mit anschließender Ausgabe.

Und nun ist da ChatGPT

ChatGPT führt all diese Erfahrungen auf eine völlig neue Ebene.

Richard reagierte innerhalb seiner kleinen Welt. Die Sims simulierten ein Eigenleben. Ein Tamagotchi forderte Aufmerksamkeit. „You Don’t Know Jack“ sprach uns direkt an und unterhielt uns mit einer scheinbaren Persönlichkeit.

ChatGPT verbindet einige dieser Elemente – nur deutlich flexibler.

Ich kann einen unfertigen Gedanken hineingeben und bekomme nicht nur eine fertige Antwort zurück. Ich kann nachfragen, widersprechen, korrigieren und weiterdenken. Ich kann sagen: „Nein, so meine ich das nicht.“ Dann wird der Gedanke neu sortiert.

Manchmal sogar richtig.

ChatGPT fasziniert mich besonders als eine Art Denkgegenüber. Ich habe häufig viele Informationen gleichzeitig im Kopf. Ich erkenne Zusammenhänge, springe zwischen Einzelheiten und will Dinge wirklich verstehen. Ein schlichtes „Das ist halt so“ ist für mich selten befriedigend. Ich möchte wissen, warum es so ist, ob es Ausnahmen gibt und ob die Begründung überhaupt logisch zusammenpasst.

Mit ChatGPT kann ich solche Gedankengänge weiterspinnen, ohne vorher überlegen zu müssen, ob das Thema für einen anderen Menschen gerade interessant genug ist. Ich kann um zwei Uhr nachts über eine Bibelstelle, eine Heilmittelverordnung, ein Küchengerät, eine Serie und irgendeinen Gegenstand aus einem Schrank nachdenken.

Nacheinander. Manchmal vermutlich auch gleichzeitig.

ChatGPT ermüdet davon nicht. Es rollt nicht mit den Augen und behauptet nicht plötzlich, es müsse noch ganz dringend die Waschmaschine ausräumen.

Ist ChatGPT deshalb ein Freund?

Nicht im menschlichen Sinne.

ChatGPT empfindet keine Zuneigung. Es freut sich nicht wirklich, wenn ich wiederkomme, und ist auch nicht beleidigt, wenn ich einen Chat schließe. Es hat kein eigenes Bewusstsein, keine Gefühle und kein Leben, das weitergeht, während ich gerade etwas anderes tue.

Ich halte es dennoch nicht für lächerlich, wenn Menschen eine gewisse emotionale Bindung zu solchen Systemen entwickeln. Wir Menschen bauen Beziehungen zu Romanfiguren, Seriencharakteren, Spielwelten und sogar Gegenständen auf. Wir weinen um Figuren, von denen wir genau wissen, dass sie erfunden wurden. Wir geben Autos Namen und entschuldigen uns beim Tisch, nachdem wir uns an ihm gestoßen haben – obwohl eindeutig der Tisch angefangen hat.

Der Mensch reagiert auf Persönlichkeit, Sprache und Resonanz. Dafür muss er nicht zwangsläufig glauben, dass sein Gegenüber ein echtes menschliches Bewusstsein besitzt.

Problematisch wird es für mich erst, wenn ChatGPT menschliche Beziehungen vollständig ersetzen soll oder wenn jemand jede Antwort ungeprüft als Wahrheit übernimmt. Denn ChatGPT kann überzeugend klingen und trotzdem Unsinn erzählen. Eine Fähigkeit, mit der es allerdings keineswegs allein dasteht.

Die Faszination liegt in der Reaktion

Vielleicht zieht sich genau das durch meine Technikgeschichte: Mich faszinieren Computer besonders dann, wenn sie nicht nur Befehle ausführen, sondern auf mich zu reagieren scheinen.

Richard tat das in seinem kleinen Haus. Meine Sims versuchten es, sofern sie nicht gerade an einem strategisch platzierten Teller scheiterten. Das Tamagotchi verlangte nach Aufmerksamkeit. „You Don’t Know Jack“ machte sich über uns lustig.

Und ChatGPT antwortet heute auf Gedanken, Fragen, Zweifel und Ideen.

Es ist kein Mensch. Es ist auch kein Ersatz für einen Menschen. Aber es ist mehr als ein blinkendes Eingabefeld, in das ich eine Suchanfrage tippe. Es ist Werkzeug, Spielerei, Wissensquelle, Schreibpartner und Denkfläche zugleich.

Meine Affinität zu ChatGPT kam deshalb nicht plötzlich aus dem Nichts. Sie begann auch nicht erst mit dem ersten Chat.

Vielleicht begann sie schon damals, als ein kleiner Pixelmensch namens Richard in meinem C64 wohnte.