„Stell dir einen roten Apfel vor.“

Eine ganz einfache Aufforderung, oder? Da denkst Du Dir vermutlich gar nichts bei. Du machst die Augen zu und siehst einen Apfel vor Deinem inneren Auge, richtig? Dass Du das kannst, habe ich tatsächlich bis vor kurzem nicht gewusst. Ich dachte, dass das „vorstellen vor dem inneren Auge“ nur eine Redewendung sei.

Ich selbst sehe keinen Apfel vor meinem inneren Auge. Natürlich weiß ich, wie ein Apfel aussieht. Ich kann ihn beschreiben. Rund. Rot. Glänzend. Vielleicht mit einem kleinen Stiel oben drauf. Vielleicht winkt auch ein Wurm mit Brille aus ihm heraus.

Aber sehen? Nein.

Ich sehe nichts.

Als ich erfuhr, dass andere Menschen wirklich Bilder sehen

Vor einigen Wochen stieß ich im Zuge einer Recherche eher zufällig auf den Begriff Aphantasie. Ein Zustand, bei dem Menschen keine oder kaum bewussten inneren Bilder erzeugen können.

Je mehr ich darüber las, desto häufiger dachte ich: „Warte mal… so geht es anderen gar nicht?“

Für mich war völlig selbstverständlich, dass beim Lesen eines Buches niemand tatsächlich einen Film im Kopf sieht. Ich dachte, jeder würde lediglich wissen, was beschrieben wird. Man hört beim Lesen nur seiner eigenen Stimme im Kopf zu.

Als Freunde erzählten, sie könnten sich den Strand vorstellen, die Wellen sehen oder das Gesicht eines geliebten Menschen vor ihrem inneren Auge erscheinen lassen, hielt ich das für eine poetische Umschreibung. Doch heute weiß ich, dass sie das wirklich so meinen.

Wie sieht Denken ohne Bilder aus?

Das ist wahrlich schwer zu beschreiben und es fällt mir unheimlich schwer zu greifen, wie ich denke. Ich denke nicht in Bildern, sondern eher in Zusammenhängen, Begriffen, Bewegungen und Gefühlen.

Wenn ich an ein Reh denke, erscheint vor meinem inneren Auge kein Reh. Höchstens eine Art Ahnung seiner Form. Vielleicht eine grobe Außenlinie. Aber kein vollständiges Tier. Ich denke an Einzelteile des Rehs und kann dann eine Art Konstruktionsanleitung erdenken.

Wenn ich an mein Wohnzimmer denke, sehe ich auch nicht mein Wohnzimmer. Ich weiß einfach, wo das Sofa steht und mit welchem Abstand zum Tisch. Ich weiß, welche Farbe die Wand hat. Ich weiß, wie der Raum aufgebaut ist.
Aber ich sehe ihn nicht.

Es ist ein bisschen so, als würde mein Gehirn direkt auf das Wissen zugreifen, ohne den Umweg über Bilder zu nehmen.

Etwas schade empfinde ich es bei Gesichtern. Ich kann mir von niemanden ein Gesicht bildlich vorstellen, aber dennoch weiß ich, wie die Menschen aussehen. Ich kann das Gesicht meines Vaters nicht sehen, aber ich „spüre“ wie er sich bewegte, den Arm hob, wie seine Gesichtszüge sich veränderten je nach Stimmung und Aussage. Ich fühle das „Bild“, auch ohne es zu sehen. Und ich fühle sehr stark, wie ich mich damals in Situationen fühlte.

Gefühle als fühlende Erinnerung

Was mich selbst überrascht hat: Ich kann mich an Gefühle erstaunlich gut erinnern. Ich kann nachspüren, wie sich Situationen angefühlt haben.

Sogar Schmerzen kann ich in gewisser Weise wieder „nachempfinden“. Nicht so, dass sie tatsächlich erneut auftreten, sondern ich erinnere mich sehr genau daran, wie sie sich angefühlt haben.

Das scheint bei Menschen mit Aphantasie ganz unterschiedlich zu sein. Manche berichten, dass sie kaum etwas emotional wiedererleben. Andere – so wie ich – erinnern sich eher an Gefühle oder auch Bewegungen als Bilder.

Lesen ohne Film vor Augen

Mega faszinierend finde ich, dass Menschen beim Lesen einen regelrechten Film sehen. Ich sehe das nicht, aber ich brauche auch keinen Film, um von einer Geschichte fasziniert zu sein.

Beim Lesen höre ich mich selbst sprechen. Meine „innere Stimme“ redet ständig. Manchmal nervt jedoch, dass zeitgleich neben dem gelesenen Text diese Stimme weiterredet auf einer zweiten Ebene. Sie diskutiert, wirft ein, bewertet und urteilt über den Text, die Geschichte und stellt Thesen auf. Manchmal muss ich wirklich einen Absatz zurück, weil die zweite Ebene zu „laut“ war oder einfach spannender als das Buch.

Und wie träume ich?

Das Verrückte ist: Ich träume durchaus in Bildern.

Während ich schlafe, scheint mein Gehirn problemlos Filme produzieren zu können. Auch wenn es oft sehr strange zugeht.

Manchmal merke ich kurz vorm Übergleiten in den Schlaf, wie die Fähigkeit sich dann aufbaut. Es scheint beim Einschlafen eine Art Point of no Return zu geben an dem ich noch eine kurze Millisekunde mitbekomme, wie mein Gehirn anfängt Bilder zu produzieren, doch dann sacke ich sofort weg und komme irgendwann entweder im Traum zu mir oder wenn ich erwache nach vermeintlich traumloser Nacht.

Wie beeinflusst mich die Aphantasie?

Manchmal frage ich mich, inwiefern die Aphantasie meine Wahrnehmung beeinflusst. Inwiefern beeinflusst es meine Denkweise, meine Beurteilungen und meine Gewichtungen. Denke ich mehr in Strukturen, weil ich diese zum „Bildaufbau“ brauche? Denke ich logischer, weil ich nur so Bilder wahrnehme?

Ob es da Zusammenhänge gibt? Keine Ahnung. Das ganze Thema gibt es schon über 150 Jahre, doch tief erforscht ist es bisher noch nicht. Vieles weiß man einfach noch nicht. Mensch, ich selbst wusste ja gar nicht, dass ich anders denke.

Aphantasie ist keine Krankheit

Das Wichtigste zum Schluss: Aphantasie ist keine Krankheit.

Aphantasie sagt nichts darüber aus, ob jemand intelligent ist, Fantasie besitzt oder kreativ ist. Das Gehirn arbeitet lediglich auf eine andere Art. Es sind schätzungsweise 3 bis 4 % der Menschen von Aphantasie betroffen.

Ich habe 46 Jahre gelebt, ohne zu wissen, dass ich anders denke als viele andere Menschen.

Heute weiß ich es.

Und ganz ehrlich?

Ich finde es unglaublich faszinierend, wie unterschiedlich unsere Gehirne funktionieren.

Und falls Du Dir auch keinen Apfel bildlich vorstellen kannst, dann gehörst Du vielleicht auch zum Club der Aphantasie.